Full text: Gesellschaftslehre

Die Bewertung des Mitmenschen. 
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veranlasse immer zum Emporblicken und der Haß immer zum Herab- 
blicken. Mit der Liebe können sich vielmehr die andern beiden Bewer- 
tungen verbinden; und das Entsprechende gilt auch vom Haß. Aber 
diese Bewertungen sind in ihrem Wesen, wenn sie_im Zusammenhang ver- 
schiedener Gesinnungen auftreten, nicht dieselben; das ist durch den all- 
gemeinen Zusammenhang des Seelenlebens ausgeschlossen. Vielmehr ist 
Sinn und Bedeutung der Bewertung jeweils verschieden gefärbt und eben- 
so auch die Haltung der Über-, Unter- oder Gleichordnung. Beginnen wir 
mit dem Emporblicken, also der Haltung der Unterordnung, so 
findet diese ihre volle, gesundeste Wesensentfaltung bei der Gesinnnung der 
Liebe; wie sich auch umgekehrt die Liebe mit ihrer Neigung, ihrem Ge- 
genstand ein Höchstmaß von Wert beizulegen, in dem verehrenden Auf- 
blick zu einer überlegenen Vollkommenheit am reinsten entfalten kann. 
Und in der Tat ist die typische Situation der Unterordnung ja auch die 
Unterordnung und Verehrung gegenüber dem Führer oder der Gruppe 
als Ganzen, denen beiden gegenüber zusammen mit der Gemeinschafts- 
gesinnung die Liebe entgegengebracht wird. Aber auch mit dem Haß 
kann sich die Unterordnung verbinden. Es gibt Fälle, in denen er sich 
dem Eindruck der Überlegenheit nicht entziehen kann und sich zu einem 
widerwilligen Aufblicken genötigt sieht. Die Haltung der Unterordnung 
kann dabei nur in gebrochener Weise auftreten. Namentlich die innere 
Nachahmung mit ihrem Drang, sich die verehrte Persönlichkeit zu eigen 
zu machen, ist durch das Wesen des Hasses dabei ausgeschlossen; nur 
die Fügsamkeit und eine gewisse Beeinflußbarkeit bleibt bestehen. Einen 
besonders Typus bildet dabei der Fall, daß der Haß verdrängt ist, weil 
der Hassende nicht die Kraft aufbringen kann, den Haß in seinem Ver- 
halten aufrecht zu erhalten und zur Geltung zu bringen. Der schwache 
Mensch, sei er aus angeborenen Anlagen oder kraft der sozialen Verhält- 
nisse schwach, kommt typischerweise in diese Lage, falls sich der Haß 
gegen einen Stärkeren richtet. Die Verdrängung führt dann zu der be- 
kannten Überkompensation in der Richtung eines (unechten) liebediene- 
rischen Wesens, vermöge deren auch die Unterordnung krampfhaft ge- 
steigert erscheint. — Wieder anders gestaltet sich die Gesinnung der 
Unterordnung bei der Gesinnung der Unparteilichkeit, bei der 
die innere Hingabe eingeschränkt ist; und bei der Gleichgültigkeit, bei 
der sie fehlt und der Emporblickende sich gleichsam mit einer kühlen 
theoretischen Konstatierung der Überlegenheit begnügt. 
Entsprechendes gilt von dem herabblickenden Bewer- 
ten, also der Haltung des gehobenen Selbstgefühles. Es kann die Über- 
zeugung von dem minderen Wert auch bei der Liebesgesinnung eintreten. 
Der Vater hegt Liebe dem verlorenen Sohn gegenüber und erblickt diesen 
gleichwohl unter sich. Und in demselben Verhältnis steht die Mutter zu
	        
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