Full text: Gesellschaftslehre

Die Tatsachen der Sympathie. 
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6. In den bisher betrachteten Fällen stand der von der Beein- 
flussung Ergriffene in Reih und Glied mit den ursprünglichen Trägern 
des Gefühls. Wir kommen jegt zu einem andern Typus von Vorgängen. 
Hier steht ihr Träger weit ab für sich als reiner Betrachter dem Er- 
lebenden gegenüber. Gemeint ist das Verstehen. Betrachtet man es 
gleichsam von außen her, so kann es als verwandt mit dem eben be- 
trachteten Vorgang erscheinen. Es scheint eine allmählige Abstufung von 
dem vorigen zu diesem Typus hinüberzuführen. Eine recht anschauliche 
Schilderung einer Verwundung z. B. kann eine Reaktion hervorrufen, die 
dem unmittelbaren Miterleben des Schmerzgefühles sehr nahe kommt. 
Im allgemeinen aber wird eine-Schilderung nur eine vorstellungsmäßige 
Nachbildung hervorrufen. — Jedoch würde man sich bei dieser Auf- 
fassung eines typischen Irrtums schuldig machen. Namentlich darf die 
Tatsache, daß man in beiden Fällen von einer „Nachbildung“ sprechen 
kann, nicht darüber täuschen, daß in beiden Fällen nicht ein und derselbe 
Begriff mit dem Worte gedeckt wird. Der Irrtum entspricht der natura- 
listischen Auffassung der inneren Welt, die diese nach Analogie der 
äußeren Welt konstruiert, insbesondere mit Begriffen (wie „Nachbil- 
dung“) aus jener Sphäre operiert, die tatsächlich bei der Übertragung 
zu bloßen Wörtern herabsinken. Maßgebend sein kann nur eine Be- 
trachtung von innen heraus, die phänomenologisch vorgeht. Sie ergibt: 
das Verstehen ist eine Art von Wissen. Ein Wissen um einen see- 
lischen Zustand ist aber grundverschieden von dem Erleben des- 
selben Zustandes. Ob ich z. B. einen Schreck erlebe oder über dieses Er- 
lebnis reflektiere, ist ein wesenhafter Unterschied. Demgemäß tritt das 
Miterleben von Gefühlszuständen schon bei Tieren auf, während das 
Verstehen erst beim Menschen vorkommt. Freilich kann sich beides, Mit- 
erleben und Verstehen, miteinander verbinden, und zwar in den ver- 
schiedensten Stärkegraden beider Vorgänge. Man kann auf diese Weise 
von einem starken Miterleben, verbunden mit schwachem Verstehen. 
einen kontinuierlichen Übergang bilden bis zum ausgeprägten Verstehen, 
verbunden mit schwachem Miterleben. Aber in Wirklichkeit findet dabei 
keine kontinuierliche Entwicklung statt, sondern mit dem ersten Auf- 
treten einer Spur des Verstehens entsteht etwas seinem Wesen nach 
völlig Neues. 
Uns beschäftigt hier nur die Leistung des Verstehens. Diese ist 
viel größer, als eine oberflächliche Betrachtung sie uns zunächst erscheinen 
läßt. Erstens umfaßt der Inhalt des Verstehens viel mehr als eine 
Reihe formulierter oder formulierbarer Einsichten, nämlich auch Zu- 
stände, die nur intuitiv einheitlich erfaßt und nicht urteilsmäßig zer- 
gliedert werden. (Sie brauchen nicht emotional-subjektiver Art zu sein, 
sondern können ebenso der Sphäre des „Geistes“ wie der „Seele“ an-
	        
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