Die verbale Beeinflussung.
127
derselben Quelle fließen, nämlich einer unbedingten Ablehnung der gan-
zen Persönlichkeit. So wird die typische wissenschaftliche Polemik in
traurigem Gegensatz gegen die sonstige Herrschaft des Willens zur Er-
kenntnis bei dem Gelehrten mit einer solchen Heftigkeit geführt, daß
sie beide Teile gegeneinander förmlich blind macht und damit auch un-
fähig, sich gegenseitig auch in den einfachsten und durchsichtigsten Sach-
verhalten zu überzeugen. Im Weltkriege und nach ihm hat die Erörte-
rung der Schuldfrage dasselbe traurige Schauspiel gezeigt, daß jeder
Partner dem andern gegenüber vollständig taub ist. Ebenso wie die
Verehrung eine Tendenz zur vollständigen Aneignung der verehrten
Person (und damit auch zur Annahme ihrer Überzeugungen) in sich ent-
hält, ebenso bringt jede starke Spannung eine Tendenz zur absoluten
Opposition und absoluten Verschließung mit sich.
5. Diese Ablehnung oder Ungläubigkeit ist ebenso ur-
sprünglich wie die Haltung der Gläubigkeit. Beide bestehen von
Haus aus stets nebeneinander. Die Gläubigkeit waltet dabei
typischerweise in der Gemeinschaft, die Ungläubigkeit nicht gegenüber
Fremden schlechtweg, sondern da wo Haß oder Widerwillen die Men-
schen innerlich trennt. Beide Haltungen stehen sowohl entwicklungs-
psychologisch wie nach ihrem Inhalt im Gegensag zur kritischen Denk-
weise. Die legtere drängt nicht nur die Gläubigkeit zurück, sondern
bringt ebenso auch ein mehr sachliches Verhalten gegenüber den von
einer innerlich abgelehnten Person dargebotenen Überzeugungen. In
logischer Hinsicht kann man die beiden ursprünglichen Denkweisen als
dogmatisch bezeichnen: der Dogmatismus ist in der Tat die ur-
sprüngliche und aus entwicklungspsychologischen wie sachlichen Gründen
niemals ganz auszurottende Haltung des Menschen. In psychologischer
Hinsicht können wir beide Haltungen als persönlich e bezeichnen
gegenüber der kritischen als einer sachlichen Verhaltungsweise.
Denn für den gläubigen und den ungläubigen Menschen sind Person
und Sache noch nicht getrennt. Diese Ungetrenntheit be-
deutet wiederum einen ursprünglichen seelischen Zustand. Denn das
naive Seelenleben hat, wie wir heute wissen, überall in seinen Gebilden
einen viel komplexeren Charakter als das unsrige. Für unseren Fall be-
sagt das folgendes: die mitteilende Person und die Mitteilung
sind für den empfangenden Menschen ursprünglich eins. Das
naive Bewußtsein faßt garnicht die Mitteilung als solche rein für sich auf,
sodaß der Eindruck der mitteilenden Person lediglich daneben steht als
ein selbständiger Gegenstand, der zu dem Inhalt der Mitteilungen zu-
fällig eine äußere Beziehung hat. Vielmehr wird der Vorgang der Mit-
teilung als eine Einheit erlebt. Dementsprechend ist auch die