142 Die sozialen-Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
gehört gleichsam zu ihrem Selbst. Man braucht sich nur an das moderne
Nationalbewußtsein zu erinnern. Muß jemandem, der seine eigene
Sprache aufzugeben gezwungen wird, nicht ebenso schlimm zumute sein,
als ob ihm eine Hand abgenommen würde?
Noch in einer anderen Beziehung erstreckt sich das Ichbewußtsein
auf abstrakte Gebilde in der Umgebung des Einzelnen. Es wird nament-
lich auch berührt durch die Bewertung, die der Einzelne durch
andere erfährt, sowohl durch die Gruppe im ganzen wie auch durch ein-
zelne Menschen, soweit deren Urteil nicht aus besonderen Gründen be-
deutungslos für ihn ist. Die Achtung und Anerkennung, die Zubilligung
der Ehrenhaftigkeit durch die Umgebung oder deren Vorenthaltung ge-
hört zum Wesen des Ich: wem sie vorenthalten werden, dem ist zumute,
als wäre er leiblich verstümmelt. Er kann die Beurteilung seiner Um-
vebung nicht von sich abschütteln, wie er es mit einem fremden Gegen-
stand könnte; er erlebt vielmehr die Einschägung seiner Umgebung
nicht als einen Vorgang in anderen Menschen, sondern in einer spezi-
fischen Weise als einen Vorgang in sich. (Vgl. $ 4,2.)
Endlich wird neben dem technischen und dem sozialen auch das
geistige Gebiet von dem Ichbewußtsein unter geeigneten Um-
ständen mit umfaßt. Vor allem vermag die Religion die innigste Ver-
bindung mit dem Menschen einzugehen, sodaß sein Ich seine Religion
in der engsten Weise umfaßt. Die Standhaftigkeit der Märtyrer vermag
man unter diesem Gesichtspunkt zu verstehen: seinen Glauben ver-
leugnen heißt für den wahrhaft Gläubigen durch eigenen Eingriff sein
Ich im Kern verstümmeln. Selbst von Weltanschauungen, die nicht reli-
giös, sondern philosophisch begründet sind, gilt in abgeschwächtem
Maße dasselbe: der. überzeugte Darwinist empfindet jede Kritik oder
gar einen Spott über das Lehrgebäude seines Meisters als einen ver-
legenden Eingriff in sein Ichbewußtsein. Und der überzeugte An-
hänger des neuhumanistischen Bildungsideals kann dessen Geltung und
Bedeutung in der Gegenwart nicht abnehmen sehen, ohne dadurch an
seinem Ich etwas von Verengung und Verarmung zu spüren.
2. Die populären Anschauungen über die Grenzen des Ich sind,
wie sich aus dem Vorstehenden ergibt, mit drei grundsäglichen Irr-
‚ümern behaftet. Erstens lassen sie die Grenzen des Ich mit dem eigenen
Leibe zusammenfallen. Zweitens halten sie diese Grenzen für konstant,
sowohl bei demselben Individuum wie bei verschiedenen Völkern. End-
lich sind für sie die beiden Gebiete des Ich und des Nicht-Ich schroff
voneinander getrennt als die eigene Welt und die Fremdwelt. Beginnen
wir gleich mit dem zweiten Punkt, so schwankt in Wirklichkeit der Um-
fang des Ichbewußtseins bei demselben Individuum wenigstens in dessen