Full text: Gesellschaftslehre

156 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
stand in ein inneres Verhältnis zum Menschen: er sagt etwas, sowohl 
den anderen wie auch dem sich Mitteilenden selbst. Auf den legteren 
kann er im Sinne der Verstärkung des Gefühlszustandes wirken. Be- 
sonders aber kann er später als ein äußerer Reiz die schon verflossene 
Erregung wieder hervorrufen. Hierauf beruht die Überlegenheit dieses 
Verfahrens vor der reinen Ausdruckstätigkeit: es hat Dauercharakter. 
Ein Festkleid z. B. wirkt fortgesegt im Sinne des Ausdrucks auf alle An- 
wesenden, während die festliche Miene seines Trägers sich schnell ver- 
Aüchtigt. Die Eberzähne erzählen von einem tüchtigen Jäger, der Skalp 
von einem furchtbaren Krieger auch dann, wenn ihre Träger etwa im 
Schlummer liegen und nichts von ihren schägbaren Fähigkeiten durch 
ihr Verhalten verraten. Die Botenstäbe der Australier haben Dugßende 
von Festlichkeiten bereits mit erlebt, während ihr Träger vielleicht zum 
ersten Male eine solche mitmacht: sie wirken so im Sinne eines Ver- 
dichters. Zum ersten Male begegnet uns hier das soziologisch so wich- 
tige Prinzip der Abtrennung: die Ausdrucksfunktion wird vom Men- 
schen losgelöst und einem selbständigen Gebilde überwiesen, das nur in 
einem einzigen Zusammenhange mit dem Leben der Gruppe steht und 
diesen um so stärker zur Geltung bringen kann. (Näheres $ 36.) 
Ob es sich bei dieser Tendenz um einen besonderen Instinkt handelt, 
den der Mensch dann vor den Tieren voraus haben würde, diese Frage 
kann nicht sicher bejaht werden!). Vielleicht kommt nur in Frage eine 
Kombination des Ausdrucksbedürfnisses mit dem Triebe des Selbst- 
gefühls und ein Instinkt zum Hantieren, den man in den einschlägigen 
Lehrbüchern ebenfalls zu den spezifischen Anlagen des Menschen ge- 
rechnet findet”). Ergänzend kommen alle Motive zur Geselligkeit über- 
haupt in Betracht, weil das bearbeitete Material wie ein beseeltes Wesen 
auf den Menschen wirkt. 
7. Endlich ist noch in diesem Zusammenhang zu erwähnen eine Ten- 
denz, sich das Wertvolle anzueignen und zu bewahren. Von Kindern ist 
sie im allgemeinen bekannt in Gestalt eines starken Verlangens, alles 
was ihnen irgendwie im Augenblick gefällt, mitnehmen und aufbewahren 
zu wollen. Aber auch den Erwachsenen wird es schwer, sich von An- 
denken irgendwelcher Art zu trennen. Ähnlich beobachtete bei den Wed- 
das auf Ceylon ein Reisender wiederholt, wie Eingeborene ein geschenk- 
tes Tuch mit auffallender Gier ergriffen und es sofort in roher Weise 
1) Zur Bejahung dieser Frage neigt auch Durkheim, Les formes €lemen-. 
iaires de la vie religieuses, S. 332. 
2) „Instinet of constructiveness“ nennt ihn James (Principles of Psychology IJ, 
126), während Karl Groos von „Herumhantieren“ spricht (Spiele des Menschen 
L. Aufl., S. 118).
	        
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