Das Wesen der Gesellschaft.
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ziehungen verknüpfen die Menschen in derselben Weise, wie solche
zwischen den Gegenständen der Körperwelt bestehen. Allgemein wer-
den die Beziehungen zwischen den Menschen nach Art der physischen
Welt vorgestellt. Diese Analogie aber versagt angesichts der eben be-
trachteten Tatsachen. Der Mensch kann, das haben diese uns gezeigt,
zu seinem Mitmenschen in ganz spezifische innere Beziehungen treten,
wie sie der übrigen Welt gegenüber nicht möglich sind, sofern auf diese
nicht ein Ablganz der menschlichen Beziehungen fällt. Der Mensch
wird vom Menschen nicht von außen her in Bewegung gesegt gleich einer
Sache; vielmehr haben wir überall gesehen: die Seele hat offene
Tore bei denjenigen Erlebnissen, die in das Bereich des Soziallebens
fallen.
Rekapitulieren wir in Kürze das Wesentlichste von dem, was uns
unsere bisherigen Betrachtungen darüber gelehrt haben. Das Selbst-
gefühl macht den Menschen in einer eigenartigen Weise innerlich ab-
hängig von seinen Mitmenschen. Deren Urteil über uns erleben wir zu-
gleich als unser eigenes Urteil über uns: Veränderungen, die sich in ihren
Anschauungen über unsere Persönlichkeit vollziehen, erleben wir nicht
nur als äu ße re Veränderungen in unserer Umgebung, sondern zugleich
als eine Veränderung in uns selbst, nämlich als Veränderung unse-
ces Wertes. Was andere als unser Bild in sich tragen, das erleben wir
zugleich als eine Realität, und zwar eine außerordentlich starke Realität
in uns. Wir leben auf diese Weise in andern, und anderer Vor-
stellungen leben in uns. Niegsche drückt den Sachverhalt einmal, frei-
lich schon von einem weitgehend individualistischen Standpunkt aus, mit
den Worten aus: „Die allermeisten, was sie auch von ihrem Egoismus
denken und sagen mögen, tun trogdem nichts für ihren Egoismus, son-
dern nur für das Phantom, welches sich in den Köpfen ihrer Umgebung
gebildet und sich ihnen mitgeteilt hat“ (Morgenröte Nr. 105). Jedenfalls
wird tatsächlich durch dieses Leben in andern das Verhalten der Men-
schen auf das stärkste beeinflußt. Ist in der Tierwelt das Verhalten fast
nur durch biologische Einflüsse bestimmt, so tritt jegt zu diesen der Ein-
Auß der Anschauungen der Umgebung hinzu, und zwar als eine ebenso
starke oder stärkere Macht, sodaß der Schwerpunkt des Lebens von der
biologischen nach der sozialen Seite hin verschoben wird. —
Mit besonderer Eindringlichkeit zeigt uns diesen Tatbestand der Kam pf
in seiner speziell menschlichen Form. Neben demleiblichen Kampf
hat der Mensch eine neue Art entwickelt, den Menschen zu „verlegen“,
nämlich ihn innerlich zu verwunden, im Sinne der Erniedri-
gung, Demütigung usw. Dieser Kampf spielt sich in einer völlig andern
Welt ab als der biologischen, nämlich ganz im Innern der Seele. Er segt
also voraus. daß der Mensch den Menschen im innersten erfassen kann.