Full text: Gesellschaftslehre

160 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
Auch hier tritt also neben die biologische die soziale Welt als eine zweite 
Realität hinzu; man kann zweifeln, welche von den beiden Arten des 
Kampfes beim Menschen am meisten verbreitet ist. 
Denselben Sachverhalt fanden wir bei der Betrachtung des Unter- 
ordnungswillens. Die Art, wie eine verehrte Persönlichkeit von 
dem Verehrenden in sich aufgenommen und ganz zu eigen gemacht wird, 
wie sie nun in dem eignen Ich (in einem gewissen Sinn „neben“ diesem) 
wirkt und schaltet, erscheint vom Standpunkt einer mechanistischen 
Betrachtung der Dinge aus als völlig rätselhaft, als eine unio mystica in 
wörtlichem Sinne. Wie unmöglich diese ganze Denkweise der mensch- 
lichen Welt gegenüber ist, wird hier besonders klar. Der Mensch, der 
ein Vorbild ganz in sich aufgenommen hat, lebt nicht mehr rein aus sich, 
sondern zugleich aus einer andern Person heraus. Das 
Einzelleben drängt hier mit besonderer Macht über sich selbst hinaus. 
Besonders in dem bildsameren Zustand der Jugend vermag es eine an- 
dere Persönlichkeit gleichsam in Fleisch und Blut aufzunehmen. Auch 
hier sehen wir eindringlich, wie im menschlichen Leben den biologischen 
Einflüssen die sozialen mindestens als ebenbürtig zur Seite treten. 
Eng hängt hiermit zusammen die Tatsache der verbalen. Be- 
sinflussung, gewöhnlich Suggestion genannt. Die Art, wie Mei- 
nungen anderer Menschen übernammen werden, oft ganz unbewußt, 
jedenfalls so, daß der Vorgang als selbstverständlich und garnicht zu ver- 
neiden erlebt wird, bedeutet im wörtlichen Sinne ein Eindringen 
des andern.in meine Seele. Die Aussprache eines Urteils ist 
hier mehr als ein bloßes äußeres Ereignis, das ich nur von außen wahr- 
nehme und das mir fremd bleibt: sie bedeutet zugleich eine Veränderung 
in dem inneren Zustand meiner Seele: ich kann die Meinung des andern 
nicht wieder abschütteln, ich muß sie mir zu eigen machen, genau so wie 
wenn sie in mir selbst gewachsen wäre. Die Haltung der Unterordnung 
wird hier von einer besonderen Seite her noch einmal beleuchtet: das 
eben erwähnte Aufnehmen einer andern Persönlichkeit spielt sich hier 
nach einer besonderen Richtung hin ab. 
Ebenso beim Verstehen. Die Art, wie wir in einer Kundgabe 
eine ganze Persönlichkeit ihrem Wesen nach erfassen können, wie wir 
dabei in ihr Wesen eindringen und es in uns zum Erleben bringen, be- 
deutet ebenfalls eine spezifische Art des Einssein. Wohl den markan- 
testen Fall bedeutet dabei die Gesinnung der Liebe, bei der wir die ganze 
Persönlichkeit ihrem Wertgehalt nach weit über die Grenzen des Ge- 
gebenen hinaus aufbauen und gleichsam aus ihrer Idee heraus schaffen. 
Mag man an die objektive oder an die subjektive Seite des Sachverhaltes 
denken, also an die erstaunlich hohe Leistung des Erkennens im Bereich 
der Individualität oder an die Art des Erlebens, also des Eindringens in
	        
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