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den andern (besonders beim Nacherleben und Einfühlen), in jedem Fall
ist der Tatbestand für eine mechanistische Betrachtung der Dinge un-
verständlich. In metaphysischer Hinsicht hat man ihn wohl dahin ge-
deutet, daß man bei dieser wunderbaren Durchdringung der Individuen
dem Weltgeheimnis einen Schritt näher steht. — Endlich erinnern wir
an die Ausweitung des Ich über die Grenzen der eigenen Per-
son hinaus. Hier wird die alte atomistische Vorstellung, daß an den
Grenzen der eigenen Person die große Kluft beginnt, die den Menschen
von der fremden Welt trennt, vollends zu schanden. Wir finden jenseits
dieser Grenze eine Fülle von Gegenständen: Menschen, Gruppen, un-
persönliche Objektivgebilde und sonst in unser Leben hineingezogene
Dinge, so daß sie zu der Sphäre unseres Ich gehören: ihre Schicksale er-
leben wir als unsere Schicksale, ihr Ansehen oder ihre Mißachtung be-
wegt unser Selbstgefühl wie unser persönliches Ansehen. Bismarck for-
muliert den Sachverhalt in einem Brief an seine Braut einmal glücklich
mit den Worten: „>In Dir« ist nicht >außer mir«.“ Treffender kann
man nicht ausdrücken, daß dieser Sachverhalt jeder Raumlogik spottet.
Das Gleiche gilt von dem Erlebnis des Wirbewußtseins, bei dem das
eigene Ich mit demjenigen der Genossen in eine Einheit zusammenklingt,
das Ichbewußtsein zurückgedrängt oder ausgelöscht ist: die Schranken
des Ich sind hier vollständig niedergelegt.
2. Weiter zeigt sich die uns beschäftigende innere Verbundenheit der
Seeleninjedem Akt des sozialen Verkehrs. Jeder unmit-
telbare persönliche Verkehr, wie er sich durch Ausdruck und Mitteilung
vollzieht, gehört hierher, sofern die ursprüngliche Fülle dieses Prozesses
nicht sekundär abgeschwächt ist. Er vollzieht sich durch die bloße Aus-
druckstätigkeit und -haltung auch neben und ohne den sprachlichen Ver-
kehr als jene untersprachliche Berührung und Fühlung, deren Wichtigkeit
wir früher ($ 13) gewürdigt haben. Er ist in seinem Wesen verkümmert
in dem Maße, in dem die Mitteilungen einen rein objektiven oder sach-
lichen Charakter annehmen. In voller Reinheit zeigen sein Wesen nur
die Kundgaben der vollen Persönlichkeit, also die unverkümmerten Akte,
in denen das Ich zugleich sich und seine Sache mitteilt, gleichviel ob
diese theoretische Mitteilungen oder sonst eine Stellungnahme zum In-
halt haben. Das Wesentliche an diesem Vorgang des Ausdrucks und des
von ihm nicht zu trennenden Verständnisses ist nach den treffenden Aus-
führungen Litts das Folgende. Erstens bedeutet der Ausdruck mehr
als einen von der Person völlig losgelösten Vorgang nach Art einer
mechanischen Wirkung, die von einer Sache ausgeht: es lebt vielmehr
die ganze Person in ihm, und durch den Ausdruck selbst wird
ibr gesamter jeweiliger Zustand mitgeformt und gegebenenfalls auch die
Vierkandt. Gesellschafitsliehre