Full text: Gesellschaftslehre

166 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
4. Hinsichtlich der Möglichkeit eines sozialen Verhaltens haben wir 
also zwei Welten zu unterscheiden: eine Welt resonanzgebender 
und eine Welt resonanzloser Objekte. Die einzelnen zu ihnen gehörigen 
Gegenstände können wir im einen Fall als Sozialwesen bezeichnen, 
im andern Fall heißen sie Sachen oder Objekte. Als Ganzes betrach- 
tet können wir die zweite Welt als die Sach welt bezeichnen; es ist 
nach ihren wesentlichen Eigenschaften (und zum großen Teil auch nach 
ihrem Umfang) dieselbe, die gewöhnlich die Körperwelt heißt. Es ist 
diejenige Welt, auf die die Logik der Naturerkenntnis Anwendung findet. 
Sie besteht nicht nur aus körperlichen Gegenständen (auch Menschen und 
Tiere können als Sachen behandelt werden), aber es kommen nur die 
körperlichen Eigenschaften ihrer Gegenstände in Betracht. Die erste 
Welt nennen wir als Ganzes die Sozialwelt. Im engeren Sinne heißt 
sie so, wenn sie unter dem Gesichtspunkt der in ihr bestehenden spezi- 
fischen Beziehungen betrachtet wird. Sehen wir stattdessen auf die 
Lebensvorgäng ein ihrer Eigenart, so sprechen wir vom Sozial- 
leben im Gegensag zum Naturgeschehen. Und denken wir an ihr 
Substrat, betrachten wir sie also unter der Kategorie der Substanz. 
so heißt sie die Gesellschaft. 
Wir können die beiden in Rede stehenden Welten auch mit Karl 
Dunkmann als Umwelt und Mitwelt unterscheiden!). Wenn der 
Begriff der Umwelt im überwiegenden Sprachgebrauch unterschiedslos 
alles umfaßt, was außer der eigenen Person vorhanden ist, so spiegelt sich 
darin die übliche individualistische (besser: atomistische) Auffassung, die 
eine innere Verbundenheit mit irgend einem Teil der übrigen Welt über- 
haupt nicht kennt: alles was sich „um“ den Menschen befindet, gilt als 
ihm innerlich fremd; alles was räumlich außerhalb der eigenen Person 
existiert, gilt auch im inneren Sinne als „außer‘“ ihm befindlich. Dem- 
gegenüber behauptet der Begriff der Mitwelt die Existenz auch solcher 
Objekte, die ein Miterleben mit der eigenen Person im Sinne der inne- 
ren Verbundenheit besigen. 
Man darf nicht annehmen, daß die Umwelt des Menschen (und das Gleiche 
zilt auch für seine Mitwelt) gleichartig zusammengesegßt ist, wenn wir sie unter dem 
Gesichtspunkt einer anderweitigen Einteilung betrachten, insbesondere wenn wir zwi- 
schen lebend und tot oder zwischen beseelt und unbeseelt unterscheiden. Gleichartig 
zusammengeseßt ist die Umwelt nur unter dem Gesichtspunkt, daß ihre Gegenstände 
keine inneren Beziehungen zur Person besigen. Im übrigen aber können, wie weiter- 
hin auszuführen, ebensowohl Menschen zur Umwelt statt zur Mitwelt gehören wie 
Tiere und leblose Dinge zur Mitwelt statt zur Umwelt. Die eine Einteilungsweise 
und die andere brauchen sich also nicht zu decken, sie können sich vielmehr kreuzen. 
5, Beide Welten, die Sozialwelt und die Sachwelt, sind gleich 
1) Karl Dunkmann. Kritik der sozialen Vernunft. S. 29.
	        
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