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gens in die Tatsache gefunden, so erscheint sie hinterher fast als selbst-
verständlich; und zwar aus biologischen Gründen: das Wohl und Wehe
des Kindes hängt viel mehr von seiner menschlichen Umgebung als von
toten Gegenständen ab, und insbesondere von der Stimmung und dem
Verhalten der einzelnen Personen, die durch ihre Ausdruckshaltung
kundgetan werden. Von der außerordentlichen Bedeutung der Aus-
druckstätigkeit für das Gleichgewicht des Soziallebens und damit für das
Gedeihen der einzelnen zugehörigen Personen haben wir uns bereits
früher ($ 14) ganz allgemein überzeugt. —
Die körperlichen Gegenstände der Umwelt werden vom kleinen
Kinde bekanntlich gerne mit in:den Kreis der sozialen Welt einbezogen,
indem ihnen Affekte beigelegt werden und ihnen mit affektvollem Ver-
halten (d. h. hier mit einem sozialen Verhalten) begegnet wird. Von
einer durchgängigen Beseelung der Körperwelt zu sprechen ist, beiläu-
fig bemerkt, freilich nicht zutreffend. Eine Seele an einem Gegenstand
kennt erst eine dualistische Auffassung, indem sie eben zwischen Körper
und Seele unterscheidet. In Wirklichkeit kommt statt dessen in Frage
der Gegensag zwischen solchen Wesen, die die Fähigkeit des „Verhal-
tens“ (in dem bekannten Sinn des behaviour) besigen, und solchen, denen
sie fehlt, oder, wie man auch sagen könnte, zwischen lebenden und toten
Gegenständen. Für unsere Betrachtung handelt es sich jedoch gar nicht
um diesen Gegensaß, sondern um denjenigen zwischen resonanzbegabten
und resonanzlosen, d. h. sozialen und nicht sozialen Gegenständen. Die
Grenzen zwischen beiden Gebieten fallen, wie wir später noch erörtern
werden, wenigstens im allgemeinen nicht zusammen, wenn dies auch
beim kleinen Kinde mehr oder weniger der Fall sein mag.
Werden alle Körper als resonanzfähige Gegenstände aufgefaßt
and zur sozialen Welt gerechnet? Fraglich erscheint die Antwort für
solche Dinge, die dem Kinde nur ein geringes Maß von Interesse ein-
flößen; mindestens würde sein Verhalten ihnen gegenüber an der Grenze
des sozialen Verhaltens liegen. Es käme hierbei insbesondere ein Um-
schlagen in Betracht: Kinder behandeln manche Gegenstände bekannt-
lich im einen Augenblick in höchst affektvoller Weise, während sie ihnen
im nächsten Augenblick mit der größten Gleichgültigkeit begegnen. Ent-
scheidende Beobachtungen dürften kaum vorliegen, wie denn überhaupt
diesen Dingen bis jegt in der Kindespsychologie kaum Beachtung ge-
schenkt ist. Es muß also offen bleiben, ob das Kind von Haus aus nur
die soziale Verhaltungsweise, und zwar diese in verschiedenen Abstufun-
gen, oder ob es von Haus aus gleichzeitig die soziale und die biologische
Verhaltungsweise zu eigen besigt.
Werfen wir im Vorübergehen einen vergleichenden Blick auf die
Tierwelt. so sind gewisse Tiere bekanntlich ebenfalls durch eine
Das Wesen der Gesellschaft.