170 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
überraschende Empfänglichkeit für die Ausdruckshaltung ausgezeichnet.
Zunächst zeigt der Hund ein hohes Maß von Verständnis für den wech-
selnden Ausdruck seiner menschlichen Umgebung. Weiter sei an das be-
kannte Beispiel des klugen Hans erinnert, der aus der Ausdruckshaltung
seines Herrn die verlangten Lösungen seiner Aufgaben ablas. Bei die-
sem Tiere wirkte die Empfänglichkeit deswegen überraschend, weil das
Pferd für gewöhnlich in keinem engeren Kontakt mit dem Menschen
oder mit seinesgleichen steht. Für den Haushund dagegen liegt die
biologische Bedeutung einer solchen Empfänglichkeit offen zutage, weil
er von seinem Herrn viel mehr als von der Natur abhängt. Wie weit
eine derartige Empfänglichkeit bei den Affen und anderen geselligen
Tieren einerseits dem Menschen gegenüber, andererseits im Zusammen-
leben unter einander besteht, darüber ist uns wenig bekannt.
7. Die Entwickelung der menschlichen Gattung gleicht in den Grund-
zügen derjenigen des Kindes, ohne jedoch vollständig mit dieser überein-
zustimmen. Wir segen dabei voraus, daß wir aus den Zuständen der
heutigen Naturvölker auf die menschliche Urzeit Schlüsse ziehen können.
Die neueren Untersuchungen über Seelenleben und Weltanschauung der
Naturvölker haben uns bekanntlich über den weitgehenden Raum auf-
geklärt, den magische und religiöse Vorstellungen im Weltbild und Ver-
halten der primitiven Völker einnehmen. Geister und zauberische Kräfte
sind mehr oder weniger überall am Geschehen beteiligt. Und auch die
materiellen Dinge sind weitgehend von derartigen Kräften durchdrun-
gen. Von einer Beseelung der Körperwelt wird man jedoch auch hier
aicht sprechen können wegen der darin enthaltenen dualistischen Auffas-
sung. Auch hier besteht für uns vielmehr nur die Frage, wie weit die
umgebende Welt aus resonanzbegabten d. h. sozialen Gegenständen statt
biologischen Objekten besteht. Die allgemeine Durchdringung der Welt
mit Zauberei und Geistern nötigt jedenfalls zu einer weitgehenden Be-
jahung dieser Frage; denn auch eine feindliche Haltung dieser Mächte
wird im allgemeinen den Tatbestand einer inneren Verbundenheit
zwischen ihr und dem Menschen nicht aufheben. Was zur Untersuchung
übrig bleibt, ist lediglich die Frage, ob die soziale Umgebung die ein-
zig e für den primitiven Menschen ist, ob also die ganze Körperwelt ohne
Ausnahme als eine Reihe resonanzbegabter Gegenstände erscheint. Die
strikten Anhänger der Lehre Levy-Brühls werden diese Frage zu be-
jahen geneigt sein. Verschiedene Gründe sprechen jedoch gegen eine
solche Anschauung. ;
Es kommt für eine Verneinung vor allem das Bereich der lediglich
biologisch bedeutsamen (d. h. lediglich durch Nüßglichkeitsbeziehungen
mit dem Menschen verbundenen) Gegenstände in Frage — d. h. genauer