Das Wesen der Gesellschaft.
175
Begriffes der Gesellschaft bereits in die gleiche Richtung wie unsere Analyse. Wenn
man vom Druck der Gesellschaft spricht (den sie wohl verstanden auf ihre eigenen
Mitglieder, nicht etwa auf Fremde ausübt) oder (in entsprechendem Sinne) von ihren
Geboten, so denkt auch der tägliche Sprachgebrauch hierbei an Einwirkungen, die im
Gegensag zu Furcht oder Belohnung Beeinflussungen von innen bedeuten. Ähnlich
wenn man bei der bekannten (aber nicht zutreffenden) Unterscheidung von Staat und
Gesellschaft dem Staat die äußeren, der Gesellschaft aber die inneren Einwirkungs-
mittel zuweist. — In der Wissenschaft hat wohl zuerst Tarde diesen Begriff der
Gesellschaft entwickelt in seiner Lehre, die Gesellschaft sei eine Vereinigung von
Menschen, die sich wechselseitig nachahmen. Denn von der hier gemeinten Art der
Nachahmung entwickelt Tarde im Zusammenhang mit seiner Lehre von der besonderen
der Gesellschaft eigenen Art des Gehorsams eingehend, daß sie ein spezifisches inneres
Verhältnis beider Partner bedeutet.
Man wird gegen das Gesagte vielleicht den Einwand erheben, daß
die hier gegebene Definition der Gesellschaft rein psychologischer
Art sei und damit eben dem Wesen der Gesellschaft selber wider-
spreche. Tatsächlich geht aber der Sinn unseres Begriffes nicht dahin,
daß in der Gesellschaft die einzelnen Menschen als solche Erlebnisse von
besonderer Art haben, sondern daß ihre Beziehungen solche von
spezifischer Art sind. Gemeint ist: in der Gesellschaft leben die Menschen
in einer spezifischen Weise nicht neben-, sondern ineinander; ihre
Seelen fließen mehr oder weniger zusammen bei den gesellschaftlichen
Vorgängen; es besteht eine innere Einheit der Beteiligten in ihrem ge-
sellschaftlichen Erleben. Die hier vorhandene Art der inneren Erlebnisse
der Einzelnen bestimmt eben zugleich auch (und darauf liegt für unsre
Betrachtung der Nachdruck) die Beziehungen zwischen ihnen und gibt
diesen eine eigentümliche Färbung. Die Beziehungen zwischen Befeh-
lenden und Gehorchenden z. B. sind in einer Gruppe durchaus verschie-
den, je nachdem der Gehorsam lediglich auf Furcht oder auf triebhafter
Unterordnung beruht. Die seelische Verschiedenheit beider Zustände
prägt sich auch in dem verschiedenen Gefüge der Gesellschaft in beiden
Fällen deutlich aus. Mit andern Worten: es wird ein lestes Aufbau-
gesetz der Gesellschaft ausgesprochen mit dem Sage von der
spezifischen Verbundenheit. — Die Tatsache der inneren Verbundenheit
verleiht endlich auch dem Verhalten der Gesellschaft als einer Einheit,
falls man dieses von außen her betrachtet, ein spezifisches Gepräge.
Die innere Einheit des Erlebens hat nämlich, wie wir später ($ 27) weiter
ausführen werden, eine entsprechende Einheit des Verhaltens der Gruppe
zur Folge; sie erzeugt aus ihrem Wesen heraus einen in einem bestimmten
Sinne einheitlichen Gruppengeist, vermöge dessen man von einem Eigen-
leben der Gruppe sprechen kann.
Im Ganzen handelt es sich also um drei verschiedene Tat-
bestände. die einander entsprechen und eng untereinander zusam-