184 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
In der elementarsten Form zeigt sich der Trieb in der bekannten Beobachtung,
die Galton an südamerikanischen Rindern machte!): wird
ein einzelnes Tier durch List oder Gewalt von der Herde getrennt, so
zeigt es alle Zeichen der Verzweiflung; es strebt mit aller Macht darnach
wieder zurückzukommen; und wenn ihm das gelingt, so taucht es
in die Mitte der Herde ein und durchtränkt gleichsam seinen ganzen Leib
mit dem Genuß der engsten Berührung. — Das Anschmiegen ist bekanntlich
auch beim Menschen der Ausdruck einer besonders engen Verbundenheit,
wie sie zwischen Mutter und Kind, bei intimer Freundschaft
oder bei erotischen Beziehungen besteht. Die elementarste Form des
Geselligkeitstriebes erhält sich also nicht nur durch alle seine höheren
Entwicklungsformen hindurch, sondern sie bewahrt auch dabei die Bedeutung,
die stärkste Form des Triebes kund zu tun.
Bleibt der Geselligkeitstrieb dauernd völlig unbefriedigt, so kann seine Entbehrung
geradezu zu Geistesstörungen führen. Besonders charakteristisch sind
unter ihnen solche Fälle, bei denen das dauernde völlige Unbeachtetbleiben seitens
der andern Menschen, mit denen der Betreffende äußerlich in Beziehungen steht (z. B.
als Angehöriger eines fremdsprachlichen Volkes in einem Krankensaal) zu Wahnvorstellungen
führt, wonach der Betroffene absichtlich ausgeschlossen und als gefährlich
verfolgt wird. Man möchte sagen: so wenig erträgt der Mensch das völlige Ausgeschlossensein
von allen menschlichen Beziehungen, daß er nicht umhin kann, in der
Phantasie wenigstens eine Beziehung negativer Art‘ (nämlich Feindseligkeit) herzustellen.
(Näheres Psychologische Forschung Bd. V S. 1 {le.)
4. Die herkömmliche Bezeichnung unseres Triebes als des Geselligkeitstriebes
deutet nur unvollkommen den reichen Inhalt an, den er
in seiner vollen (d. h. idealtypisch reinen) Entfaltung besigt. In dieser
Form ist er nämlich auf Herstellung der vollen Gemeinschaft (und damit
implicite auf Entfaltung aller sozialen Anlagen überhaupt) gerichtet
und wird daher passender als Gemeinschafts- oder Gruppendrang bezeichnet.
Die Existenz eines solchen zeigt sich deutlich da, wo der
Mensch dauernd in kühleren, mehr oberflächlichen Beziehungen zu seinen
Mitmenschen steht, oder wenigstens in solchen, die keine volle Lebensgemeinschaft
bedeuten, nämlich als ein gewisses Gefühl der Leere und
Unbefriedigtheit: der Geselligkeitstrieb bleibt hier eben in der Tiefe unbefriedigt.
Nach einem bekannten Wort kann so die Freundschaft keinen
Ersag für die Ehe bieten. Im tiefsten verlangt der Mensch danach, mit
andern zu einer Lebensgemeinschaft im Sinne einer Gruppe verbunden
zu sein. Im großen zeigt sich das in solchen Zeitaltern, in denen überhaupt
die Gemeinschaft mehr oder weniger verkümmert, wie in dem
unsrigen: die tiefe Unzufriedenheit, an der wir im Mark unsres Wesens
leiden und die sich kund tut durch einen allgemeinen Drang zur Be-1)
Angeführt bei James, Psychology II, 430.