Der Geselligkeitstrieb.
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heisammen zu sein und die man zu fördern wünscht. Unter dem ero-
tischen Trieb ist also mehr zu verstehen als die Geschlechtsliebe, falls
man mit diesem Wort den Begriff der Liebe in dem früher ($ 8,,) er-
örterten Sinn einer bloßen Gesinnung, also ohne einen Einschlag von
Willenshaltungen meint. Denn dann bedeutet die Geschlechtsliebe nur
eine besondere Form derjenigen Gesinnung, die in einer spezifisch ideali-
sierenden Weise den Wertgehalt einer Person voll erfaßt und in ihrer Auf-
fassung zur vollen Entfaltung bringt. Zu dieser Gesinnung tritt hier jedoch
hinzu der Geselligkeitstrieb und der Hilfs- oder Pflegetrieb. Beim legteren
hat man wesentlich auch an die wirtschaftliche Seite des Lebens zu
denken, wie denn auf tieferen Kulturstufen die Verlobung gern mit der
Darreichung von Nahrungsmitteln verbunden ist („die Liebe geht durch
den Magen‘). Als einen besonderen Fall des Gemeinschaftsdranges be-
trachtet, können wir den erotischen Trieb als dessen stärkste Form auf-
fassen, und zwar richtet er sich nicht wie sonst durchweg jener Trieb auf
ein überpersönliches Ganzes, d. h. eine Gruppe, sondern auf eine Per-
son als solche. Der Drang eins zu sein ist hier besonders stark. Er
zeigt sich anschaulich als Drang zum leiblichen Einssein — eine Form,
die, wie wir sahen, überhaupt in naiveren Lebensformen vielfach ver-
breitet ist entsprechend der Tatsache, daß alle menschlichen Anlagen
von Haus aus psychophysischer Natur sind, also Leib und Seele in eins
beherrschen. Der Sexualakt bedeutet in dieser Beziehung nur die Kul-
mination einer durchgängigen Tendenz zum Einssein, redet aber als
solcher eine besonders eindringliche Sprache. Ein französischer Roman
deutet einmal den psychophysischen Charakter des Vereinigungsdranges
bei der Beschreibung einer Szene treffend mit den Worten an: „Il lui
sembla, que Maurice tout entier se coulait en elle et se repandit dans
son sang.“ In begrifflicher Sprache meint Scheler Ähnliches, wenn er
von dem liebeerfüllten Geschlechtsakt sagt, daß „beide Partner in
einen Lebensstrom, der keines der individuellen Iche mehr gesondert
in sich enthält. . ... zurückzutauchen meinen“). ——
Der bloße Sexualinstinkt, losgelöst von allem anderen, betätigt sich bei uns an-
nähernd rein in der Prostitution und anderen Augenblickserlebnissen. Das „Ver-
hältnis“ dagegen ist schon vom erotischen Trieb beherrscht; allerdings zeigt dieser
dabei nicht den Grad der Verinnerlichung und Verfeinerung wie die moderne auf
persönlichen Beziehungen aufgebaute Ehe. Besonders in deren Vorspiel zeigt sich
eine bekannte charakteristische Verfeinerung: eine Aufstauung des Sexualtriebes in
Gestalt eines zarten und verehrungsvollen Verhaltens, das vor dem legten Schritt
vorläufig zurückschreckt. Damit verglichen steht das erotische Verhältnis dem ein-
fachen Sexualtrieb um ein gutes Stück näher. Hans Blüher hat einmal unter diesem
Gesichtspunkt aus der Odvssee die verführerischen Gestalten der Kalypso und Kirke
ı) Max Scheler Wesen und Formen der Symmathie. S. 925.