Full text: Gesellschaftslehre

188 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
der Matrone Penelope gegenübergestellt, der Odysseus doch die Treue bewahrt. 
Man darf dabei freilich nicht vergessen, daß wir es hier überall mit speziellen 
historischen Ausgestaltungen zu tun haben. 
Die Entstehung und Erhaltung der Ehe wäre unbegreiflich ohne den erotischen 
Trieb; genauer gesagt, ohne sein Mehr gegenüber dem Sexualtrieb. Eine ältere An- 
schauung läßt bekanntlich das Geschlechtsleben mit einer allgemeinen Promiskuität 
beginnen. Das ist folgerichtig vom Standpunkt einer Auffassung, die nur den Sexual- 
trieb kennt. Aber den Weg zur Ehe von da überzeugend nachzuweisen ist nicht 
möglich. Eine Besigeifersucht und ein Wille, geraubte Frauen anderer Stämme für 
sich zu behalten, sind unter der Herrschaft eines bloßen Augenblickstriebes schon 
schwer begreiflich, und sie würden auch keine Resonanz bei der Gruppe finden, so- 
lange bei ihr kein allgemeines Verlangen nach dauernder Verbindung besteht. Tat- 
;ächlich haben sich auch die Gründe für die Annahme einer ursprünglichen Promis- 
zuität bekanntlich als hinfällig erwiesen; die Tatsachen der Völkerkunde sprechen 
vielmehr von einer primitiven Monogamie, die der Mensch wahrscheinlich schon vom 
Tierreich übernommen hat. Möglich ist eine solche Monogamie aber nur, wenn statt 
des elementaren intermittierenden Sexualtriebes von Anfang an der umfassendere 
erotische Trieb geherrscht hat, speziell im Sexualleben von Anfang auch der Gesel- 
ligkeitstrieb wirksam gewesen ist. Aus dem wirtschaftlichen Nugen allein die Ehe als 
eine spätere menschliche Einrichtung abzuleiten ist unmöglich. Man würde auf diesem 
Wege nicht mehr als irgend ein Zusammenwirken beider Geschlechter als notwendiges 
Ergebnis gewinnen können. Daß die wirtschaftliche Arbeitsteilung gerade in Form 
der Ehe sich ausgestaltete, wird nur begreiflich, wenn die Ehe bereits vorhanden war. 
Die Prostitution tritt bekanntlich erst auf einer gewissen Höhe der kulturellen Zu- 
stände anf. und dasselbe gilt vom erotischen Verhältnis. 
6. Man hat neuerdings behauptet, daß die Homosexualität, genauer ge- 
sagt, die Homoerotik auch für die männlichen Organisationen so- 
wohl beim Führen wie beim Folgen das wesentliche Bindemittel 
abgebe, ohne das Lebensgemeinschaften mit großen Leistungen unmög- 
lich wären!). Daß homoerotische Beziehungen vielfach in solchen Or- 
vanisationen bestehen, steht fest, sowohl für unsere eigene Gesellschaft 
wie für viele andere höhere und niedere Kulturen’). Ob es deswegen 
für alle menschlichen Gesellschaften gilt, ist nicht gesichert. — Von der 
extensiven Verbreitung der Homoerotik ist die intensive zu unter- 
scheiden, über deren Grad besonders außerhalb unserer eigenen Gesell- 
schaft noch schwerer zu urteilen ist. Von beiden durchaus zu trennen 
ist die Behauptung: wo sie auftritt, da bildet sie die bindende 
Kraft der Männergesellschaft schlechtweg. Hans Blüher beruft sich da- 
für auf die Heldenverehrung in der Männergesellschaft, die deren eigent- 
liche Schwungkraft sei und nur aus der Erotik folge. Die Tatsache der 
l) Hans Blüher, Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft, 
2 Bde., Jena 1917 und 1919. Vgl. als eine Art Gegenstück: Placzek. Freundschaft 
und Liebe, Bonn 1919. 
2) Vgl. für einen ersten Überblick das einschlägige Kapitel (man beachte den 
Mangel der Quellenkritik!) bei Westermarck, Ursprung und Entwicklung der 
Moralbegriffe Bd. IL.
	        
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