Full text: Gesellschaftslehre

Der Geselligkeitstrieb. 
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Verknüpfung beider Instinkte, des erotischen und des Unterordnungs- 
willens ist in vielen Fällen nicht zu bezweifeln, nicht nur für die gleich- 
geschlechtliche, sondern in beschränkterem Maße auch ebenso für die 
ungleichgeschlechtliche Liebe. Fraglich ist jedoch das Kausalverhältnis. 
Es ist keineswegs selbstverständlich, daß die Verehrung erst Folge der 
Liebe ist. Blüher selbst würde dies vielleicht nicht als selbstverständlich 
erscheinen, wenn ihm nicht die Existenz des Unterordnungstriebes mit 
dem Affekt der Verehrung unbekannt wäre. Näher liegt die Erklärung, 
daß beide Triebe, mindestens in vielen Fällen, gleichmäßig und gleich- 
zeitig durch die Führerpersönlichkeiten erregt werden. Daß aber der 
Unterordnungstrieb ohne den erotischen überhaupt nicht auftreten kann, 
ist eine unhaltbare Annahme. Man müßte denn annehmen, daß sich der 
erotische Trieb auch Sitten und Ideen, der Familie und dem Staate, der 
Nation und der Mode zuwenden kann. Schreckt man auch davor nicht 
zurück, indem man hier überall in jedem Einzelfalle und fortlaufend 
eine Sublimierung des erotischen Triebes annimmt, so bürdet man sich 
damit eine kaum zu bewältigende Beweislast auf. Außerdem läßt man 
den eigentlichen Sag von der Alleinherrschaft des Eros fallen, da es sich 
hier nicht um eine besondere Form, sondern um einen Ersatz dieses 
Triebes handeln würde. 
7. Vom Geselligkeitstrieb wenden wir uns jegöt seinem Antagonisten 
zu, dem Trieb des Meidens. Schon oben ($ 7,,) erwähnten wir 
den spezifischen Widerwillen des gesunden und kräftigen, besonders des 
jugendlichen Menschen gegen alte, kranke und anderweitig abnorme 
Menschen. Einen besonderen Fall davon stellt in den Beziehungen der 
Geschlechter zueinander die Abneigung dar, die die alte Frau vielfach 
den Männern einflößt. Eine Art Gegenstück dazu ist es, wenn in der 
Jugend die Mädchen eine entsprechende Scheu vor Annäherung der 
Männer zeigen. Neben diesen generellen Formen gehört hierher die 
bekannte persönliche Abneigung, die sich gegen einzelne Individuen 
richtet, und zwar nicht nur auf Grund dessen, was man von ihnen weiß, 
sondern schon infolge des bloßen Eindrucks, den ihre Erscheinung macht. 
Sie kommt zu erheblicher Geltung wahrscheinlich erst auf höheren Kul- 
turstufen, bei entsprechender seelischer Differenzierung und wachsender 
Menge der sich begegnenden Individuen. Auch die Abneigung verschie- 
dener Rassen oder Völker gegeneinander gehört jedenfalls zum großen 
Teil hierher. Die ungünstigen Erfahrungen, die sie bei ihrer Berührung 
miteinander gemacht haben, sind schwerlich die einzige Ursache; viel- 
fach mag sich das Verhältnis zum Teil bereits als Folge jener ursprüng- 
lichen Abneigung so ungünstig und zu einer solchen Stärke der Feind-
	        
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