Die soziale Bildsamkeit der menschlichen Seele.
191
lebens ihre feste Gestalt empfangen. Nach der Wirkung können
wir bei diesen Einflüssen unterscheiden, ob sie sich mehr auf den In-
halt oder mehr auf die Formen beziehen. Denkt man an die Ein-
flüsse, die von der Verschiedenheit der Kulturen ausgehen (und das
Gleiche gilt von einem Teil der Milieueinwirkungen im engeren Sinne),
so ist ohne weiteres klar, wie diese die Existenz bestimmter Anschauun-
gen und Verhaltungsweisen hervorrufen. Zweifeln kann man dagegen
wenigstens zunächst, ob sie auch auf die ganze individuelle Art des An-
schauens und des Verhaltens, also auf das „Wie“ des Seelenlebens wirken.
Erfahrungsgemäß erstrecken sich aber die Wirkungen der Gesellschaft
ebenfalls auf dieses „Wie“, also auf den ganzen Stil der Person. Im großen
wird dies sofort klar, wenn wir an die bekannten Einwirkungen der täg-
lichen Umgebung auf Charakter und Benehmen der Menschen denken.
Fraglich bleibt nur, wie weit sie gehen. Als unhaltbar erwiesen hat sich
bekanntlich die Anschauung, die das entgegengesegte Extrem gegenüber
dem alten Irrtum der starren Anlagen bildet, der einzelne Mensch habe
überhaupt keinen festen Kern, sondern sei ganz und gar ein Werk
seines Milieu und demgemäß unbegrenzt gestaltbar. Tatsächlich zeigt
eine eindringendere Erfahrung überall, wie die Beeinflussung der Per-
sönlichkeit durch die Umwelt an einem festen Kern der Persönlich-
keit gewisse Grenzen findet. Auf apriorischem Wege ergibt sich
dasselbe aus dem Begriff der Individualität, die eine innere Einheit und
Geschlossenheit bedeutet, welche sich in allem Verkehr des Individuums
mit der Umwelt zur Geltung bringt und demgemäß deren Wirkung nicht
einfach aufnimmt, sondern in bestimmter Weise verarbeitet. — Es blei-
ben dann noch zwei Möglichkeiten übrig, denen zwei verschiedene An-
schauungen entsprechen: nach der einen ist diese Einwirkung in ihrem
Umfang beschränkt, also nur partieller Natur, so daß bestimmte
Gebiete des Seelenlebens von ihr nicht erfaßt, sondern lediglich von der
eigenen Persönlichkeit gestaltet werden; nach der andern Anschauung
greift jener Einfluß durch alle Bereiche des Seelenlebens hin-
durch, so daß die Gestalt der Persönlichkeit überall bestimmt wird zu-
gleich durch die eigenen Anlagen und durch die Einflüsse der Mitwelt.
Wir entscheiden uns für die zweite Anschauung auf Grund der folgenden
Tatsachen.
Wir greifen zunächst ein einziges Gebiet des Seelenslebens heraus,
nämlich die Denkweise, darunter die Weltanschauung, Lebensauf-
fassung und ganze Auffassungsweise verstanden. In welchem Maße ihr
Inhalt für den einzelnen Menschen von seiner Umwelt abhängig ist,
bedarf keines Wortes. Auch die in gewissen Kulturen in mehr oder
weniger beschränktem Umfange bestehende Tatsache der Autonomie
der Persönlichkeit hildet keinen Gegengrund zegen das Gesagte. Denn