Full text: Gesellschaftslehre

Die soziale Bildsamkeit der menschlichen Seele. 
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lebens ihre feste Gestalt empfangen. Nach der Wirkung können 
wir bei diesen Einflüssen unterscheiden, ob sie sich mehr auf den In- 
halt oder mehr auf die Formen beziehen. Denkt man an die Ein- 
flüsse, die von der Verschiedenheit der Kulturen ausgehen (und das 
Gleiche gilt von einem Teil der Milieueinwirkungen im engeren Sinne), 
so ist ohne weiteres klar, wie diese die Existenz bestimmter Anschauun- 
gen und Verhaltungsweisen hervorrufen. Zweifeln kann man dagegen 
wenigstens zunächst, ob sie auch auf die ganze individuelle Art des An- 
schauens und des Verhaltens, also auf das „Wie“ des Seelenlebens wirken. 
Erfahrungsgemäß erstrecken sich aber die Wirkungen der Gesellschaft 
ebenfalls auf dieses „Wie“, also auf den ganzen Stil der Person. Im großen 
wird dies sofort klar, wenn wir an die bekannten Einwirkungen der täg- 
lichen Umgebung auf Charakter und Benehmen der Menschen denken. 
Fraglich bleibt nur, wie weit sie gehen. Als unhaltbar erwiesen hat sich 
bekanntlich die Anschauung, die das entgegengesegte Extrem gegenüber 
dem alten Irrtum der starren Anlagen bildet, der einzelne Mensch habe 
überhaupt keinen festen Kern, sondern sei ganz und gar ein Werk 
seines Milieu und demgemäß unbegrenzt gestaltbar. Tatsächlich zeigt 
eine eindringendere Erfahrung überall, wie die Beeinflussung der Per- 
sönlichkeit durch die Umwelt an einem festen Kern der Persönlich- 
keit gewisse Grenzen findet. Auf apriorischem Wege ergibt sich 
dasselbe aus dem Begriff der Individualität, die eine innere Einheit und 
Geschlossenheit bedeutet, welche sich in allem Verkehr des Individuums 
mit der Umwelt zur Geltung bringt und demgemäß deren Wirkung nicht 
einfach aufnimmt, sondern in bestimmter Weise verarbeitet. — Es blei- 
ben dann noch zwei Möglichkeiten übrig, denen zwei verschiedene An- 
schauungen entsprechen: nach der einen ist diese Einwirkung in ihrem 
Umfang beschränkt, also nur partieller Natur, so daß bestimmte 
Gebiete des Seelenlebens von ihr nicht erfaßt, sondern lediglich von der 
eigenen Persönlichkeit gestaltet werden; nach der andern Anschauung 
greift jener Einfluß durch alle Bereiche des Seelenlebens hin- 
durch, so daß die Gestalt der Persönlichkeit überall bestimmt wird zu- 
gleich durch die eigenen Anlagen und durch die Einflüsse der Mitwelt. 
Wir entscheiden uns für die zweite Anschauung auf Grund der folgenden 
Tatsachen. 
Wir greifen zunächst ein einziges Gebiet des Seelenslebens heraus, 
nämlich die Denkweise, darunter die Weltanschauung, Lebensauf- 
fassung und ganze Auffassungsweise verstanden. In welchem Maße ihr 
Inhalt für den einzelnen Menschen von seiner Umwelt abhängig ist, 
bedarf keines Wortes. Auch die in gewissen Kulturen in mehr oder 
weniger beschränktem Umfange bestehende Tatsache der Autonomie 
der Persönlichkeit hildet keinen Gegengrund zegen das Gesagte. Denn
	        
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