Die verschiedenen Arten der Gemeinschaft.
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die Gemeinschaftshaltung entgegengebracht.. Die Gemeinschaftsgesin-
nung richtet sich hier auf die Gruppe in ihrer konkreten Verkörperung
durch die Mitglieder. Und zwar kann man an ihr wie gesagt zwei Sei-
ten unterscheiden. Erstens fühlen sich die Beteiligten gemeinschafts-
mäßig verbunden mit den einzelnen zugehörigen Personen — jedoch
nicht, sofern sie Personen sind, sondern sofern sie die Gruppenqualität
in sich tragen. Zweitens fühlen sie sich gemeinschaftsmäßig verbunden
mit der Gruppe als solcher, mit ihrem Glück und ihrer Ehre und deren
Gegenteil; dabei erscheint ihnen die Gruppe (wenigstens zunächst) ver-
körpert in den gegenwärtigen Mitgliedern, sofern diese in gewissen
Situationen sich zu einer Einheit zusammenschließen.
Obwohl sich das Gemeinschaftsverhältnis bei diesem Typus eigent-
lich nur auf die Gruppe richtet, wird es doch erlebt als enge Verbunden-
heit von Person zu Person. Die Gruppenangelegenheiten durchdringen
bei diesem Typus noch das Leben aller Individuen nach allen Richtun-
gen hin. Die Einzelnen leben zwar durchaus nicht uneingeschränkt
($ 28), aber doch in weiter Ausdehnung in den Interessen und An-
gelegenheiten der Gruppe. Und überall, wo sie sich in solcher Weise
verhalten, also bei allem gemeinschaftlichen Tun und Verhalten, da ent-
faltet sich das „Wirbewußtsein‘. In ähnlicher Weise vollzieht sich die
Ausweitung des Ich da, wo ein einzelner in einer Gruppenangelegenheit
etwas erlebt oder erleidet (z. B. ein Unrecht von einer anderen Gruppe
erfährt) und andere Angehörige seiner Gruppe Zuschauer dieser Erleb-
nisse werden: die Zuschauer erleben dann „seine“ Angelegenheit als
„ihre‘“ Angelegenheit, weil das Erlebnis des Genossen ein Erlebnis der
Gruppe ist. — Die spezifische Färbung des Bewußtseins ferner, die dem
Gemeinschaftszustand entspricht, sowie überhaupt die mit ihm ver-
bundene meist unbewußt bleibende psychophysische Haltung (in der
Richtung der Vertrautheit, Sicherheit, Entspannung usw.) kommt bei
diesem Typus in starkem Maße zur Geltung, weil der Einzelne sich fort-
während von der Gruppe umgeben fühlt, da seine sämtlichen Genossen
ihm diese fortgesegßt verkörpern. Sie beeinflußt alle interindividuellen
Beziehungen und gibt ihnen einen eigenen Reiz, auch wenn sie nur einen
kleineren Kreis innerhalb der Gruppe umfassen und es sich dabei um
keine Gemeinschaftsangelegenheiten handelt.
Neben denjenigen Beziehungen, die zwischen den einzelnen Genos-
sen als Mitgliedern der Gruppe bestehen, kommen auch rein persönliche
Beziehungen freundschaftlicher Art zwischen ihnen in Betracht. Je nach
der Stärke dieser persönlichen Beziehungen können auch sie Gemein-
schaftscharakter besigen oder sie bedeuten nur ein gemeinschaftsähn-
liches Verhältnis. In systematischer Hinsicht sind diese Beziehungen
von der Gruppengemeinschaft streng zu unterscheiden. Den Unter-