228 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
schied kann man bezeichnen als denjenigen von Kameradschaft
und Freundschaft. Kameradschaft gehört zum Wesen der persönlichen
Gruppengemeinschaft; sie bedeutet dasjenige Verhältnis, das
zwischen den Gruppengenossen eben vermöge ihrer Zugehörigkeit zur
gleichen Gruppe besteht. In dem Maße, in dem der Gruppencharakter
entwickelt ist, ist auch der Geist der Kameradschaft entwickelt. Die
persönliche Freundschaft dagegen bedeutet dem Wesen der Gruppe
gegenüber etwas Zufälliges, das hinzutreten, aber auch fehlen kann.
Gerade bei einem engen genossenschaftlichen Leben, etwa bei einer studentischen
Verbindung oder einem Offizierkreise, zeigen die einzelnen
Mitglieder, wenn sie sich als losgelöste Menschen außerhalb ihres Kreises
begegnen, keine Teilnahme für einander; insbesondere zerreißen für
denjenigen, der aus dem Kreise ausscheidet, sofort alle Fäden. So erlischt
die Gesinnung der Loyalität, obwohl sie eine ausgespröchen persönliche
Anhänglichkeit an den Herrscher bedeutet, mit dem Verlust
der Herrschergewalt. Ähnlich erkalten in Thackerays bekanntem Roman
die Sympathien des Majors Pendennis für seinen Neffen, als dieser
das Examen im Kolleg nicht bestanden hat und sich dadurch nicht mehr
zum Träger der Familienehre als geeignet erweist, sofort vollständig.
Die Teilnahme gilt nicht der Person, sondern nur dem Träger der Gruppenqualität
und muß sich daher in dem Augenblick verlieren, in dem er
diese einbüßt. In manchen Fällen, besonders bei primitiven Kulturen,
wird die Veränderung, die der Einzelne bei einem derartigen Ausscheiden
in seiner sozialen Bedeutung erfährt, geradezu durch eine Namensänderung
kenntlich gemacht. Als Namenswechsel der Frau bei der Eheschließung
erstreckt sich diese Erscheinung bis in unsere Kultur hinein.
Bei den Bänaro redet z. B. die Tochter nach ihrer Verheiratung ihren
Vater mit einem anderen Namen an. Den Wechsel führt unser Gewährsmann
auf ihr Bestreben zurück, ihrer neuen Zugehörigkeit zu dem an-Jleren
Klan klar Ausdruck zu geben‘).
Ein lehrreiches Beispiel für den Unterschied zwischen Sippengesinnung und
persönlicher Liebe bildet eine bestimmte Art von Familiengesinnung, wie sie z. B.
George Elliot. in ihrem Roman „The mill on the flow“ drastisch geschildert hat —
ine Gesinnung, kraft deren man einem von der Not befallenen Verwandten gegenüber
sich nicht abhalten läßt, „ihm die unangenehmsten Worte zu sagen, welche ein
richtiges verwandtschaftliches Gefühl nur eingeben konnte, aber ihn nie preisgab
oder verleugnete, es ihm nie an Brot fehlen ließ, aber freilich immer mit Wermut“.
Das Hauptmotiv ist nicht persönliche Teilnahme, sondern der Wunsch, nach Möglichkeit
die Schande der Armut von der Familie fernzuhalten.
Bereits in der Tierwelt ist innerhalb der Gruppe neben der „Kameradschaft“ die
„Freundschaft“ beobachtet; so von W. Köhler bei seinen Schimpansen (Psycholog. Forschung
I, 22).
1) Richard Thurnwald. Die Gemeinde der Bänaro, Stuttgart 1921. S. 97.