270 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
sein, alle jeden als ihresgleichen zu schägßen scheinen, in Wahrheit aber
jeder an sich selber denkt und im Gegensag zu allen übrigen seine Be-
deutung und seine Vorteile durchzusegen bemüht ist“. Endlich kann die
Geselligkeit auch um des Kampfes willen gesucht werden, mag es sich
dabei um einen spielartigen Wortstreit oder um Raufereien im Ge-
schmacke der Bauernjugend oder um ein Austragen ernsthafter Zwistig-
keiten durch feindselige Worte handeln.
Ähnlich gilt die Ehe zwar in der Theorie als die innigste Form der
Gemeinschaft. Tatsächlich kann sie aber auch überwiegend ein bloßes
Austauschverhältnis oder gar ein Kampf- oder ein Machtverhältnis wer-
den. Dasselbe gilt natürlich auch von den freieren Formen des Ge-
schlechtslebens. — Ebenso kann die durch den sprachlichen Verkehr her-
gestellte Verbindung ihren typischen Charakter der „Erlebnisgemein-
schaft“ einbüßen. In formaler Hinsicht kann sie bei Mischsprachen, die
aur einen ganz beschränkten Austausch einzelner Vorstellungen vermöge
eines kleinen Wortschages gestatten, aus einer „Verständnisgemeinschaft“
zu einer „Verständigungsgesellschaft“ werden. Ebenso kann eine fremde
Sprache im Munde der oberen Klassen ein nicht unwesentliches Zubehör
des Machtverhältnisses bedeuten. Abgeblaßt liegt derselbe Sachverhalt
noch vor bei den sprachlichen Absonderungen einzelner Berufsklassen,
wie etwa der Sportsprache der Jäger, sofern die Absonderung auch hier
ein Mittel ist, anderen Kreisen zu imponieren!). Aber auch in inhalt-
licher Hinsicht kann das Gemeinschafts- oder gemeinschaftsnahe Verhält-
nis der Sprechenden, wie es besonders rein beim Erholungsgeplauder
ader beim Erhebungsgespräch vorliegt, verlassen werden. Bei einer
reinen Zwecktätigkeit, z. B. bei einem reinen Geschäftsverkehr im Sinne
des modernen Wirtschaftslebens, tritt das Sprechen in den Dienst eines
bloßen Tauschverhältnisses. Wieder ein anderes Verhältnis haben wir
beim Wortkampf. Endlich kann die Sprache auch ein bewußtes Werk-
zeug der Schädigung in Gestalt des Lügens und Irreführens werden.
Übrigens liegt auf der Hand, daß alle diese Formen des bloßen Gesell-
zschaftsverhältnisses sekundär sind gegenüber dem Gemeinschaftsverhält-
nis. Denn sich entfalten und zu ihrer Bedeutung kommen konnte die
Sprache nur auf dem Boden der Gemeinschaft. — Ebenso kann das
Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ein Gemeinschafts- oder ein
ihm nahekommendes Verhältnis sein; 'es kann statt dessen ein hloßer
Austausch von Gehorsam und Lernen und es kann endlich ein Kampf-
verhältnis und, falls der Lehrer ausgesprochen der Schwächere ist, ein
Machtverhältnis mit ausgesprochener Schädigungstendenz sein. ‘ —
Zwischen dem Arzt und seinem ‚Klienten bestand in früheren Zeiten
1) Vgl. Ludwig Leopold, Prestige S. 184 fg.