Full text: Gesellschaftslehre

310 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“). 
macht die Strafe oft erst recht wirksam. Ohne sie bekommt sie leicht 
einen kalten juridischen Charakter, unter Umständen sogar den der 
Grausamkeit und Rache, die der Zögling sehr gut von der echten Strafe 
zu unterscheiden weiß. In der Entrüstung aber ist immer zugleich eine 
Art Anerkennung enthalten, da der Zögling dabei an bestimmten Werten 
zemessen wird und darin die latente Überzeugung enthalten ist, daß er 
eines solchen Maßstabes würdig sei, und damit zugleich auch latent der 
Wunsch und die Forderung, daß er sich zu der Höhe jenes Maßstabes 
erheben soll. Jede höhere Erziehung läßt ja auch wirklich den Willen 
spüren, den Zögling auf die Höhe des vollkommenen Menschen zu er- 
heben, und schöpft ihre Entrüstung daraus, daß er dieses Streben nicht 
in sich aufnehmen will. Nicht Strafe und Entrüstung bedeutet die größte 
Kluft zwischen Erzieher und Zögling, sondern die kalte Gleichgültigkeit 
gegen Schwäche und Verfehlung. — Verwandte Erscheinungen kann die 
Entrüstung im Zusammenhang eines Familienstreites zeigen. 
Vorwürfe oder Entrüstung z. B. über Verarmung oder sonstiges Unglück 
können, zumal bei einer ausgesprochenen „Sippengesinnung“‘, die nicht 
auf die Persönlichkeit, sondern auf die Familie als Ganzes gerichtet ist, 
gewissermaßen eine Ehre sein, sofern es eine Ehre ist, am Maßstab der 
Familienehre gemessen zu werden. — 
Neben der Annahme und Anerkennung enthält der soziale Kampf 
und der geistige Kampf noch nach einer dritten Richtung eine Verbun- 
denheit der Kämpfer in sich, nämlich eine gemeinsame Anerken- 
aung von Werten. Betrachten wir z. B. den Kampf des mittel- 
alterlichen Rittertums, so entspringt der gemeinsame Wille zur Rege- 
lung, nämlich zur Innehaltung der ritterlichen Kampfordnung, hier aus 
einer viel allgemeineren und tieferen Gemeinsamkeit der Wertanschau- 
ung und der ganzen Lebensauffassung: die Kämpfer waren im Unter- 
bewußtsein durch den Willen verbunden, der ritterlichen Ehre zur Herr- 
schaft in der Welt zu verhelfen. Ähnlich waren im legten Kriege gewisse 
Teile auf beiden Seiten sich darin einig, das Vaterland über ihr eige- 
nes Leben zu stellen, beide also durch eine tiefgreifende sittliche Gemein- 
samkeit geeint. Ebenso wollen im politischen Kampf beide Teile das all- 
zemeine Staatsinteresse wahren. Ähnlich bei dem Rechtsstreite der Par- 
teien: „Die gemeinsame Unterordnung unter das Geseg, die beiderseitige 
\nerkennung, daß die Entscheidung nur nach dem objektiven Gewicht 
ler Gründe erfolgen soll, die Einhaltung von Formen, die für beide Par- 
teien undurchbrechlich gelten, das Bewußtsein, bei dem ganzen Verfah- 
ren von einer sozialen Macht und Ordnung umfaßt zu sein, die ihm erst 
Sinn und Sicherheit gibt — all dieses läßt den Rechtsstreit auf einer 
breiten Basis von Einheitlichkeiten und Übereinstimmungen zwischen den
	        
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