Full text : Gesellschaftslehre

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Die Gruppe.

Wahrnehmung seiner persönlichen Eigenart, die nur als etwas Sekundäres
 gegenüber seiner Gruppenqualität erscheint. Die Vorstellung
des Genossen bedeutet ebenfalls eine legte Einheit, eine 8soziale
 Kategorie. Auch die Auffassung des Gruppenangehörigen
als eines Genossen ist demgemäß eine spezifische Auffassungsweise, ein
Urphänomen — genauer gesagt nur eine andere Seite des eben festgestellten
 Urphänomens, in dem die Kategorie der Gruppe realisiert
wird. Eine dritte Seite derselben Grundtatsache endlich ist die anzeborene
 Anlage des Menschen, sich selbst als Glied des Ganzen zu
fühlen.

Wenn der einzelne primär nicht als Individuum, sondern in kollektiver Form
aufgefaßt wird, so sind hierbei freilich zwei Fälle zu unterscheiden: er kann aufzefaßt
 werden als Teil eines Ganzen oder als Exemplar einer Gattung,
 d. h. als Träger von Eigenschaften, die einer ganzen Klasse (z. B. einer
Berufsklasse) oder einem sonstigen Kollektivum eigen sind. Jeder Fall kann unabhängig
 vom andern auftreten. Auch Individuen, die keiner Gruppe angehören,
würde man nach ihren Eigenschaften in Klassen einteilen und unter diesem Gesichtspunkt
 auffassen können. Umgekehrt, wenn alle Personen derselben Gruppe angehörten,
 aber alle ausgesprochen individuell wären und in ihren Eigenschaften so
verschieden voneinander, daß sie sich überhaupt nicht in Klassen zusammenfassen
ließen, so würde doch bei entsprechend starkem Gruppengeist jedes Individuum von
den übrigen und ebenso von anderen Personen mit entsprechend starkem Gruppenreist
 in erster Linie nicht als Individuum, sondern als Gruppenverkörperung aufgefaßt
 werden. In unseren modernen Verhältnissen mit ihrem ausgesprochenen Indizidualismus
 kommt von beiden möglichen Auffassungen fast nur die Unterordnung
unter die Gattung in Frage. Wo wir es dagegen mit stark ausgeprägten Gruppen
zu tun haben (d. h. überall außerhalb unserer modernen Kultur), treten beide Auffassungen
 nebeneinander auf: einerseits erblickt der Außenstehende in und hinter
dem Individuum seine Gruppe und faßt seine Betätigungen als solche der Gruppe
auf, anderseits findet er in den Eigenschaften des einzelnen durchweg die typischen
Bigenschaften seiner Gruppe wieder. — Wenn Simmel es einmal (Soziologiel, S. 34)
ıls eine Grundtatsache des sozialen Lebens bezeichnet, daß der Einzelne nicht als
Persönlichkeit sondern als Repräsentant einer Gruppe aufgefaßt wird, so schwebt ihm
Jlabei anscheinend nur das Verhältnis des Einzelnen zur Gattung vor; jedenfalls hat
er die beiden hier in Betracht kommenden Fälle nicht unterschieden.

Wenn so typischerweise im Individuum die Gruppe erfaßt wird, so
braucht dieses Erfassen keinen vorstellungsmäßigen Charakter zu haben,
zielmehr kommt zunächst nur ein praktisches Verhalten in Frage, womit
 sich wohl von Anfang an eine entsprechende Gefühlsbetonung verbindet.
 Wenn eine Anzahl Personen als eine Gruppe aufgefaßt wird, so
„edeutet dies eine Haltung, an der eine theoretische und eine emotionalpraktische
 Seite zu unterscheiden ist. Ursprünglich ist nur die legtere: die
Wirkungen, die von Personen ausgehen, werden typischerweise als Wirkungen
 der Gruppe behandelt, ohne daß man eine Vorstellung von der
lesteren hat. Von hier gibt es allmähliche Übergänge zur klaren Vor-
            
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