Object: Der Weltverkehr und seine Mittel

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Eisenbahnen: Die Lokomotive. 
dem Kessel. Sie trug den stolzen Namen „The best seiend of Charlestown“ und ist in 
Abb. 209, welche Grothes „Industrie Amerikas" entnommen ist, wiedergegeben. Ihre 
erste Fahrt war vom Sternenbanner undKanonendonner begleitet. „Der beste Freund" endete 
jedoch 1831 durch Kesselexplosion, die erste in Amerika, der leider später noch andere oft 
genug gefolgt sind. Im Jahre 1832 stellte der schon genannte Horatio Allan eine 
achträdrige Doppellokomotive, die „South Carolina" in Betrieb. Sie fand zwar keine 
Nachahmung, wir erblicken aber bereits in ihr einen Vorläufer der Fairlielokomotive. 
John Jervis führte in dem gleichen Jahre die erste amerikanische Drehgestelllokomotive 
für die Mohawk- und Hudsonbuhn aus, nachdem ein Jahr früher Roß Wiuans, wie 
Brown in seiner „History of the first Locomotive in America“ berichtet, Personen 
wagen mit Drehgestellen ausgerüstet hatte. (Der erste Vorschlag für Verwendung von 
Drehgestellen überhaupt bei Eisenbahnfahrzeugen rührt 1812 von den Gebr.Chapman her, 
wie oben nachgewiesen.) Nach Jervis'Zeichnungen bauten dann 1833 Stephenson und Co. 
mehrere Lokomotiven mit Drehgestell für die Saratoga- und Schenectadybahn. Auch andere 
englische Firmen haben um das Jahr 1833 Drehgestelllokomotiven nach Amerika geliefert. 
Doch der 1831 mit Gründung der Baldwin-Lokomotivwerke in Philadelphia 
ins Leben gerufene einheimische Lokomotivbau, der anfangs zwar auch nach englischen 
Vorbildern sich richtete, wandelte nach kurzer Zeit eigene Pfade und schwang sich schnell 
zu einem blühenden Gewerbszweige empor. Die erste, hier 1831 — 32 gebaute Lokomotive 
war die in Abb. 210 wiedergegebene; sie weist noch kein Drehgestell auf, was aber 
bereits bei den von 1833 an gebauten Lokomotiven (Abb. 211) der Fall ist. Die 
Baldwinfabrik, welche jetzt über 5000 Arbeiter beschäftigt, ist die größte derartige Anlage 
in der Welt. Sie vermag jährlich 1000 Lokomotiven fertigzustellen, das ist täglich 
im Durchschnitt 3 1 / 3 Stück. Ihre Leistungsfähigkeit geht am besten aus folgenden 
Zahlen hervor: 
die 
1 000 ste Lokomotive 
wurde von ihr gebaut 1861 
„ 
2 000 
„ 
„ 1869 
„ 
3 000 
„ 
„ „ „ 
„ 1872 
5 000 
„ 
„ „ „ 
„ 1880 
„ 
10 000 
ff ff ff 
„ 1889 
„ 
11 000 
„ 
ff ff ff 
„ 1890 
„ 
13 900 
„ 
ff ff ff 
„ 1892 
Baldwin wandte schon frühzeitig einen 2—3 mal so hohen Dampfdruck an, wie in 
England (3—3 l /a Atmosphären) gebräuchlich war, was die Lokomotive leistungsfähiger 
und ihren Betrieb wirtschaftlicher machte. Er verbesserte die Umsteuerung für das Vor- 
und Rückwärtsfahren u. s. w. Im Verein mit anderen Ingenieuren (Norris u. s. w) und 
später entstandenen Lokomotivfabriken, namentlich den Schenectady-Werken, hat Baldwin 
die amerikanische Lokomotive nach und nach zu ihrer jetzigen Ausbildungsstufe geführt 
und ihr das eigentümliche Gepräge verliehen, das sie von den Lokomotiven aller anderen 
Länder unterscheidet. Es wird dieses hervorgerufen — abgesehen von den technischen 
Einzelheiten, die mehr den Fachmann interessieren — durch die ungewöhnlich hohe Kessel 
lage, den kurzen Schornstein mit der Signallaterne*) davor, die große Signalglocke, das 
geräumige, bunt bemalte und mit Polstersitzen ausgestattete Führerhaus sowie durch den an 
keiner Lokomotive fehlenden „Kuhfänger" oder Cowcatcher, der dazu dient, das beim 
Fahren etwa im Gleise angetroffene Vieh liebevoll bei Seite zu werfen. Da die ameri 
kanischen Bahnen nicht wie in England und Deutschland beiderseits der Gleise eingezäunt 
sind, so ist das Zusammentreffen mit Tieren, namentlich auf dem Lande und auf den 
großen Viehtriften, nichts Ungewöhnliches. Abb. 212 zeigt die Seitenansicht und Abb. 213 
die uns etwas seltsam anmutende Vorderansicht einer amerikanischen Lokomotive mit allen 
eben genannten Merkmalen. 
Wegen vielfacher starker Steigungen und infolge der üblichen langen Güterzüge, ist 
man drüben mit der Zahl der gekuppelten Radachsen höher hinauf gegangen als in anderen 
*) Auf der Weltausstellung in Chicago 1893 war eine alte von T. Hackworth Mitte der 
30 er Jahre nach Amerika gelieferte Lokomotive ausgestellt, die vorn am Schornstein statt der 
jetzt üblichen Signallaterue einen Drahtkorb zur Aufnahme brennender Kienfackeln zeigte.
	        
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