Full text: Gesellschaftslehre

Der Lebensdrang der Gruppe. 
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Genetisch betrachtet stammt diese Tendenz zur Beseitigung der untauglichen Ele- 
mente schon aus der Tierwelt, wo wir entsprechende Erscheinungen wohl als sicher- 
zestellt betrachten können. Speziell für die Ameisen formuliert Alverdes (Tiersozio- 
‚ogie, Leipzig 1925, S. 94) den Sachverhalt mit den Worten: „Kranke und verwundete 
Ameisen werden in gewissen Fällen zwar gepflegt und geschüßt; ebenso häufig aber 
kommt es vor, daß sie unbeachtet liegen bleiben oder auf den Abfallplatz getragen 
werden. Irgendwelche Sentimentalitäten [d.h. Wohlwollen für das Einzelwesen als 
solches] herrschen im Insektenstaate nicht, nur dasjenige Individuum, welches für die 
Gesamtheit etwas leistet, oder von dem solche Leistungen zu erwarten sind, wird 
gepflegt und geschüßt; entscheidend für Leben und Tod ist nur das Gesamtwohl.“ 
Auf höheren Stufen treten neben den biologischen soziale Ge- 
brechen auf: Armut und Bettelei, Verbrechen, Prostitution und Ver- 
wahrfosung liefern hier ganze Teilgruppen minderwertiger Elemente. 
Die naivste Methode ihnen gegenüber ist die Gleichgültigkeit und Ver- 
nachlässigung. In weitgehendem Maße spielt die Gesellschaft hier zu- 
nächst den Vogel Strauß: man will das Übel nicht sehen. In den meisten 
Fällen entsteht eine Tendenz zum Vertuschen, Beschönigen und Beiseite- 
schieben, wodurch das Übel natürlich nicht beseitigt wird, sondern nur 
von der Bildfläche verschwindet. Dieses Abwenden kann sogar einen 
aktiven und aggressiven Charakter annehmen. Leiden und Klagen der 
verkümmerten Elemente kann als Vorwurf gegen den Zustand des Gan- 
zen aufgefaßt werden, es kann schon der bloße Anblick von Elend und 
Krankheit als eine Störung empfunden werden, und der Abwendung 
kann außer dem Bewußtsein von einer Trübung der Gruppenvollkom- 
menheit ein dunkles Verantwortlichkeitsbewußtsein der Gruppe zu- 
zrundeliegen: das Unglück kann ein lästiger Mahner sein und einen 
stillschweigenden Vorwurf enthalten, also ein böses Gewissen erzeugen. 
Natürlich entsteht auch solchen Regungen gegenüber der Wille, sie bei- 
seitezuschieben und zu unterdrücken; und die Heftigkeit, mit der die 
Diskussion über soziale Übelstände geführt wird, kann für die Partei, 
die den Vogel Strauß spielt, der Ausdruck für eine Verdrängung pein- 
licher Regungen sein. Wie auf diesem Boden auch die Neigung entsteht, 
bei der Diskussion die Übelstände zu bestreiten oder wenigstens ihre 
Bedeutung abzuschwächen, ist bekannt genug. 
Die Peinlichkeit des Eindruckes und das zurückgedrängte oder ver- 
drängte Bewußtsein des Unrechts werden dabei leicht nach außen pro- 
jiziert in den Erreger hinein: wer Unglück hat, hat auch Unrecht. Schon 
die Erfahrung des täglichen Lebens zeigt, daß beim Unglück mit dem 
Trösten und Bemitleiden das Auffinden von Schuld und Erheben von 
Vorwürfen gern Hand in Hand geht. Bei ausgeprägten Klassenverhält- 
nissen erscheint so die abhängige Schicht durchgängig als die minder- 
wertige; und jede Apologie des Klassenstaates erblickt in der Abstufung 
der gesellschaftlichen Stellung gern eine Spiegelung der verschiedenen
	        
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