Full text : Gesellschaftslehre

Der Lebensdrang der Gruppe.

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8. Die Möglichkeit von Störungen des sozialen Gleichgewichts hängt
eng zusammen mit der Eigenschaft der menschlichen Kultur zu variieren. Wo wir
irgend einen Dauerzustand des organischen Lebens vor uns haben, muß dieser,
nachdem er einmal entstanden ist, mit Notwendigkeit die Eigenschaft des Gleichgewichts
 in sich enthalten, weil er eben sonst überhaupt nicht bestehen könnte. Werden
 aber die bisher befolgten und bewährten Bahnen verlassen, so schließtjeder
Wandeldas Risiko in sich, daß er nicht wieder eine neue Bahn des Gleichgewichts
 findet. In dieser Beziehung sind die tieferen Stufen der menschlichen Kultur
(genauer: fast alle bisherigen Formen) vor unserer modernen Kultur bevorzugt: sie
stehen ebensosehr unter dem Zeichen des Beharrens und des Willens zum Beharren,
unter der Herrschaft der sogenannten traditionalistischen Gesinnung wie die unsrige
unter dem Zeichen des Gegenteils, des fortgesetsten Wandels und des Antitraditionalismus.
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Charakteristisch ist in dieser Beziehung das Schicksal, das den primitiven Kulturen
 mit Vorliebe bei der Berührung mit unserer europäischen widerfährt: entweder
ist ein Niedergang und Verfall oder geradezu und zwar im Zusammenhang mit dem
Wandel der physische Untergang, d.h. das Aussterben des Stammes das Schicksal:
diese Gesittungen erliegen dem Risiko des plöglich von allen Seiten über sie hereinbrechenden
 Wandels. Das Eindringen der europäischen Kultur bringt eine allgemeine
Entwurzelung und Zersegung mit sich: die europäischen Waren dringen ein und zerstören
 den Antrieb zur eigenen gewerblichen Tätigkeit und damit den Stil im Gewerbe
und überhaupt alle die Seiten des Lebens, die mit ihr zusammenhängen. Ähnlich
wird die einheimische Religion und die einheimische Kunst teilweise durch europäische
Neubildungen ersegt, teilweise entwertet und aufgelöst. Hinzukommt ein vielfacher
Verfall der Sitten, zum Teil durch die Einführung europäischer Gesege, insbesondere
das Verbot der Selbsthilfe und ähnliches; die feste Organisation der Sippe und der
Familie löst sich auf; das Stammesbewußtsein verfällt dem gleichen Schicksal; die
bisherigen Motive der Solidarität sind vielfach zerstört ohne entsprechenden Ersag;
eine allgemeine Atomisierung tritt an ihre Stelle und der ganze Gehalt des Lebens
ist zerstört.

Die bekannte Beharrungstendenz aller primitiven Kulturen erscheint
uns in diesem Zusammenhang in einer anderen Beleuchtung als der üblichen; die
Abneigung gegen Veränderungen des Bestehenden, der Haß gegen alle Neuerungen
und Neuerungsversuche, der vielleicht auf einem besonderen Instinkt beruht, erscheinen
 uns teleologisch begreiflich. Allerdings ist in solchen Verhältnissen die Möglichkeit
 eines Fortschritts sehr gering; und manche Quellen weisen ausdrücklich darauf
hin, wie schwer begabte Persönlichkeiten, die auf einen solchen Wandel hindrängen
könnten, es haben, sich zur Geltung zu bringen: aber das ist der Preis, mit dem die
Sicherheit der Dauer des Stammes, soweit keine äußeren Mächte in Frage kommen,
erkauft wird. — Jede Variation irgend einer einzelnen Seite einer Kultur birgt unberechenbare
 Möglichkeiten in sich wegen des allgemeinen Zusammenhanges, der zwischen
 allen Seiten einer Kultur besteht: jede Variation auf einem Gebiete kann daher
unberechenbare Folgen auf allen möglichen anderen mit sich führen. Eben wegen
dieses Zusammenhangs sind daher tatsächlich ohne Gefährdung des Ganzen Variationen
immer nur in ganz bestimmten Richtungen möglich. ‚Allen Neuerungsabsichten und
Reformplänen sind dadurch viel engere Grenzen gesetöt, als man in der Regel annimmt.
 Jeder irgendwie tiefer greifende Wandel bedeutet nach dem Gesagten eine
kritische Phase für eine Kultur. Und eine Kultur von antitraditionalistischem
Charakter wie die unsrige, die aus dem Wandel nicht herauskommt, befindet sich in
einer ununterbrochenen Kette von Krisen. Daß diese in der Regel fortgesetrtt über-
            
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