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1. Schon früher haben wir davon gesprochen, daß sich der Hilfstrieb
besonders lebhaft regt, wenn eine Gruppe als Ganzes von außen an-
gegriffen wird ($ 6,;). Dasselbe ist der Fall, wenn sie von einer
gemeinsamen Not befallen wird, also bei Hungersnot, bei Unfällen usw.
Von Kollektivhungersnöten wissen wir aus einer bekannten Schilderung
der russischen Zustände, daß die dortigen chronischen Hungersnöte nicht
etwa den Egoismus, sondern umgekehrt mindestens innerhalb der Fami-
lie den stärksten Altruismus zeitigen. — Es brauchen derartige Bedrohun-
gen sich übrigens nicht unmittelbar auf die ganze Gruppe zu richten,
es kann vielmehr schon genügen, wenn der Angriff sich zunächst auf
eine einzige Rerson richtet. In den früheren Zeiten der Schulkämpfe ge-
nügte es, daß ein einzelner Schüler von einer fremden Schule bedroht
wurde, um alle seine Schulgenossen ihm zu Hilfe eilen zu lassen. In
der einfachsten Form lassen sich derartige Vorgänge bereits bei der Tier-
welt beobachten. So findet sich bei Brehm eine klassische Schilderung
einer derartigen Abwehr eines Angriffes, den ein Adler gegen ein
jüngeres Mitglied eines Rudels Meerkagen erfolglos unternahm: „Augen-
blicklich entstand ein wahrer Aufruhr unter der Herde, und im Nu war
der Adler von vielleicht zehn starken Affen umringt. Diese fuhren unter
entseglichem Gesichterschneiden und gellenden Schreien auf ihn los und
hatten ihn auch sofort von allen Seiten gepackt. Jegt dachte der Gau-
dieb schwerlich noch daran, die Beute zu nehmen, sondern gewiß bloß
an sein eigenes Fortkommen. Doch dieses wurde ihm nicht so leicht.
Die Affen hielten ihn fest und hätten ihn wahrscheinlich erwürgt, wenn
er sich nicht mit großer Mühe freigemacht und schleunigst die Flucht er-
griffen hätte. Von seinen Schwanz- und Rückenfedern aber flogen ver-
schiedene in der Luft umher und bewiesen, daß er seine Freiheit nicht
ohne Verlust erkauft hatte. Daß dieser Adler nicht zum zweiten Male
auf einen Affen stoßen würde. stand wohl fest!).“
Gegenseitige Hilfsbereitschaft.
Ähnliche Beobachtungen machte Köhler an seinen Schimpansen. Schon die ju-
gendlichen Tiere gerieten, wenn er eines von ihnen züchtigen wollte, in eine teil-
nehmende Bewegung. Einzelne Tiere suchten sogar den Arm des menschlichen „Fein-
des“ festzuhalten oder prügelten geradezu auf ihn los. „Nachdem die Schimpansen viel
älter geworden sind und die Achtung vor dem großen Menschen gesunken ist, ....
Ende ich den Trieb der Gruppe, als ganze den Angriff auf ein einzelnes Tier abzuweh-
ren, außerordentlich verstärkt. Am Ende muß man es aufgeben, selbst arge Vergehen
zu bestrafen, wenn die Gruppe mit dem betreffenden Tier im selben Raum zusam-
men je1*2)_
Ähnlich verhält sich ein Beamtenkollegium in der Regel gegen eine
Kritik aus dem Publikum, wenn sich diese auch nur gegen ein einzelnes
1) B rehms Tierleben3 I, 134.
?) Psychologische Forschung 1. 14.