l. Kapitel.
Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen
der Gesellschaft.
Vorbemerkunegen.
1. Unter den sozialen Anlagen des Menschen verstehen wir solche angeborenen
Triebe (z. B. Hilfstrieb) und andere angeborene Eigenschaften und Verhaltungsweisen
(z. B. Beeinflußbarkeit und Verstehen), die zu ihrer Betätigung die Anwesenheit
anderer Menschen oder genauer gesagt den Zustand der Gesellschaft ($ 14) voraus-
segen: sie können sich nur einem Menschen gegenüber betätigen, mit dem man durch
den Zustand der Gesellschaft d. h. spezifisch innerlich ($ 14) verbunden ist. Ihnen
stellen wir mehrfach vergleichsweise die anderen Anlagen des Menschen gegenüber.
Diese können sich auch oder können sich nur anderen Gebilden gegenüber betätigen,
also Tieren, toten Gegenständen und vielleicht „fremden“ Menschen gegenüber, mit
denen man sich nicht zu einer Gesellschaft verbunden fühlt. Zu der legsteren Gruppe
gehören selbstverständlich alle eigentlichen, d.h. auf das Leibliche gerichteten In-
stinkte. Daneben kommen hierfür aber auch einige andere Anlagen in Betracht, die
zu den plastischen Anlagen gehören oder wenigstens zu ihnen in nahen Beziehungen
stehen; insbesondere ist das der Furchtinstinkt (wenigstens in unvermischter Form),
der Kampfinstinkt und der Instinkt des Selbstgefühls in einer spezifischen Form.
Eine eigentümliche Grenzstellung nimmt endlich der Instinkt der Abneigung ($ 15) ein.
2. Die angeborenen sozialen Anlagen treten häufig paarweise in gegensätlicher
Form auf. In dieser Weise werden wir den Trieb des Selbstgefühls und sein Gegen-
teil, den Gehorsamstrieb, kennen lernen, ebenso den Hilfstrieb und den Kampftrieb.
Ferner steht dem Geselligkeitstrieb ein Trieb zum Meiden gegenüber, ebenso dem
Mitteilungstrieb ein Trieb zum Geheimhalten und Verbergen. Dem sexuellen Trieb
stellt ferner James den Instinkt der Sprödigkeit .als antisexuellen Trieb gegenüber.
Endlich kann man, wobei man freilich das Bereich der eigentlichen sozialen Triebe
überschreitet, der Furcht die Neugierde gegenüberstellen. Man darf hierbei nidıt in
den Fehler der Psychoanalytiker verfallen, jedesmal von zwei Seiten eines einzigen
Instinktes zu sprechen, wofern man nicht den Begriff des Instinktes völlig ins Wanken
bringen will. Wohl aber ist es heuristisch wertvoll, der Frage der Existenz solcher
gegensäglichen Paare nachzugehen, wobei auch mit der Latenz oder Verdrängung
des einen Antagonisten zu rechnen ist. — Für die Gestaltung des menschlichen
Lebens ist diese Verbindung von Gegensäten offenbar von der größten Bedeutung:
die Fülle und der Reichtum des menschlichen Lebens wird durch die Möglichkeit
solcher entgegengesegten Triebe, sich in der mannigfachsten Art zu verbinden, zu
durchdringen und abzulösen, sehr gesteigert oder beruht überhaupt erst darauf.
3. Die im folgenden zu betrachtenden sozialen Anlagen des Menschen unter-
scheiden sich von den Instinkten im engeren Sinne des Wortes durch ihren plastischen
Charakter. Die Instinkte im engeren Sinne haben einen mehr oder weniger starren
Charakter: der Inhalt des Verhaltens ist für das von ihnen beherrschte Geschöpf