Full text: Gesellschaftslehre

374 
Die Gruppe. 
fühlen!). Ein anderes Beispiel liefert die allgemeine Bewegung, die an- 
gesichts der Wahrscheinlichkeit eines Justizmordes oder eines anderen 
schwerwiegenden Justizirrtums im Bereiche der öffentlichen Meinung ent- 
steht. Mit einer auffallenden Wärme und Teilnahme tritt alles für 
den wahrscheinlich Unschuldigen ein. Über den Beweggrund sind die 
meisten wohl im unklaren; bisweilen kann man aber auch ausdrücklich 
lie Meinung ausgesprochen finden, es müsse das Prinzip der Gerech- 
tigkeit sorgsam gewahrt werden, weil eine Nachlässigkeit leicht andere 
nach sich ziehen und so die Sicherheit des Rechtslebens überhaupt ge- 
fährden könne. Es steckt also gewiß ein Teil Wahrheit in dem Worte 
La Rochefoucaulds: „Die Liebe zur Gerechtigkeit ist bei den meisten 
Menschen nichts weiter als die Furcht, selber Unrecht erleiden zu 
müssen.“ Natürlich auch nur ein Teil Wahrheit; denn abgesehen davon, 
daß hier das Eintreten für einander (nicht in erster Linie für die eigene 
Person!) verkannt ist, spricht hier noch eine besondere Tatsache mit, 
nämlich neben einem Zweckzusammenhang bewußter oder wenigstens 
individuell erworbener Art ein unmittelbar instinktartiges Interesse an 
der genauen Innehaltung der Rechtsnormen: die Lebensordnung der 
Gruppe ist vermöge einer „Transponierung“ an sich heilig. — Lehrreich 
ist auch die Bittarbeit bei den Naturvölkern. In gewissen Fällen, in 
denen die Kräfte der einzelnen Familien nicht ausreichen, beteiligen 
sich die übrigen Dorfgenossen ohne ein anderes Entgelt als eine Be- 
wirtung an der Feldarbeit. Natürlich geht dabei die Hilfe reihum. Im 
Gebiete des Ackerbaues insbesondere finden wir bei den meisten Natur- 
völkern, daß das Roden zum Zweck des ersten Anbaus in solcher Weise 
gemeinsam vorgenommen wird, während nachher die einzelnen Fa- 
milien bei ihren Bodenflächen mit ihren eigenen Kräften auskommen 
müssen: die erste Arbeit würde über die Kräfte der einzelnen Familien 
hinausgehen, während diese der zweiten gewachsen sind. Auch die auf 
tieferen Stufen weitverbreitete Sitte der Gastfreundschaft gehört hier- 
her. Zu reisen und andere Leute kennen zu lernen scheint ein weit- 
verbreitetes Bedürfnis schon bei den Naturvölkern zu sein, dem auf der 
anderen Seite eine Freude an der Berührung mit orts- oder stammes- 
fremden Personen entspricht. Man will dabei teils persönliche Be- 
ziehungen pflegen, vor allem aber als Gegengewicht gegen die Eintönig- 
keit des täglichen Lebens neue Eindrücke gewinnen und neue An- 
regungen mit nach Hause bringen. Der Gast, der von einem anderen 
1) Vgl. hierzu Rudolf Goldscheid, Entwicklungstheorie usw., Leipzig 1898, 
5. 27 fg. — Simmel entwickelt denselben Gedanken für die öffentliche Behandlung 
der Armut (Soziologie S. 459 fg.): die Armen werden nicht um ihretwillen, sondern 
wegen der öffentlichen Ordnung unterstüßt.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.