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Die Gruppe.
fühlen!). Ein anderes Beispiel liefert die allgemeine Bewegung, die an-
gesichts der Wahrscheinlichkeit eines Justizmordes oder eines anderen
schwerwiegenden Justizirrtums im Bereiche der öffentlichen Meinung ent-
steht. Mit einer auffallenden Wärme und Teilnahme tritt alles für
den wahrscheinlich Unschuldigen ein. Über den Beweggrund sind die
meisten wohl im unklaren; bisweilen kann man aber auch ausdrücklich
lie Meinung ausgesprochen finden, es müsse das Prinzip der Gerech-
tigkeit sorgsam gewahrt werden, weil eine Nachlässigkeit leicht andere
nach sich ziehen und so die Sicherheit des Rechtslebens überhaupt ge-
fährden könne. Es steckt also gewiß ein Teil Wahrheit in dem Worte
La Rochefoucaulds: „Die Liebe zur Gerechtigkeit ist bei den meisten
Menschen nichts weiter als die Furcht, selber Unrecht erleiden zu
müssen.“ Natürlich auch nur ein Teil Wahrheit; denn abgesehen davon,
daß hier das Eintreten für einander (nicht in erster Linie für die eigene
Person!) verkannt ist, spricht hier noch eine besondere Tatsache mit,
nämlich neben einem Zweckzusammenhang bewußter oder wenigstens
individuell erworbener Art ein unmittelbar instinktartiges Interesse an
der genauen Innehaltung der Rechtsnormen: die Lebensordnung der
Gruppe ist vermöge einer „Transponierung“ an sich heilig. — Lehrreich
ist auch die Bittarbeit bei den Naturvölkern. In gewissen Fällen, in
denen die Kräfte der einzelnen Familien nicht ausreichen, beteiligen
sich die übrigen Dorfgenossen ohne ein anderes Entgelt als eine Be-
wirtung an der Feldarbeit. Natürlich geht dabei die Hilfe reihum. Im
Gebiete des Ackerbaues insbesondere finden wir bei den meisten Natur-
völkern, daß das Roden zum Zweck des ersten Anbaus in solcher Weise
gemeinsam vorgenommen wird, während nachher die einzelnen Fa-
milien bei ihren Bodenflächen mit ihren eigenen Kräften auskommen
müssen: die erste Arbeit würde über die Kräfte der einzelnen Familien
hinausgehen, während diese der zweiten gewachsen sind. Auch die auf
tieferen Stufen weitverbreitete Sitte der Gastfreundschaft gehört hier-
her. Zu reisen und andere Leute kennen zu lernen scheint ein weit-
verbreitetes Bedürfnis schon bei den Naturvölkern zu sein, dem auf der
anderen Seite eine Freude an der Berührung mit orts- oder stammes-
fremden Personen entspricht. Man will dabei teils persönliche Be-
ziehungen pflegen, vor allem aber als Gegengewicht gegen die Eintönig-
keit des täglichen Lebens neue Eindrücke gewinnen und neue An-
regungen mit nach Hause bringen. Der Gast, der von einem anderen
1) Vgl. hierzu Rudolf Goldscheid, Entwicklungstheorie usw., Leipzig 1898,
5. 27 fg. — Simmel entwickelt denselben Gedanken für die öffentliche Behandlung
der Armut (Soziologie S. 459 fg.): die Armen werden nicht um ihretwillen, sondern
wegen der öffentlichen Ordnung unterstüßt.