Full text: Gesellschaftslehre

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Form und Macht vorhanden. Die kirchliche Häresie z. B. bedrohte teils die 
innere Einheitlichkeit der kirchlichen Gruppe, teils geradezu die Kopf- 
zahl ihres Bestandes; und ähnlich waren kirchliche Streitigkeiten und 
Glaubensverschiedenheiten für den Staat bedenklich, weil sie die Einig- 
keit seiner Bürger gefährdeten und diejenigen, die nicht der privilegierten 
Ansicht zustimmten, innerlich in ihrer Staatsverbundenheit lockerten. 
Der Atheist galt ähnlich für gesellschafts- und staatsgefährlich, weil man 
Sittlichkeit und Kirchenglauben in der Auffassung nicht zu trennen ver- 
mochte; und der Sozialdemokrat schien mindestens die gegenwärtige 
Form des Staates wo nicht überhaupt jede menschenwürdige Verfassung 
der Gesellschaft zu gefährden. Wenn wir heute einen anderen Stand- 
punkt einnehmen, so hängt das mit tiefgreifenden Wandlungen zusam- 
men: theoretische Überzeugungen und religiöse Fragen greifen bei uns 
nicht mehr so tief in den ganzen Menschen ein, wie dies früher wenig- 
stens teilweise tatsächlich der Fall war. Ähnlich sind die Anschauungen 
einer jeden politischen Parteirichtung heute vereinbar mit einer staats- 
bürgerlichen Gesinnung, wofür England das beste Beispiel abgibt. Auch 
hinsichtlich der radikalen Parteien, die man von diesem Sage zunächst 
ausnehmen zu müssen glauben könnte, gilt, daß die politischen Bewe- 
zungen heute gegenüber früheren Zeiten maßvoller geworden sind, weil 
anser ganzes Leben rationaler geworden ist. Ein Sozialdemokrat wird 
sich z. B. in einem Aufsichtsrat oder als Minister ungeachtet seines grund- 
sägßlichen Standpunktes vollkommen bürgerlich benehmen. Gegenüber 
älteren Zeiten sind hier tiefgreifende seelische Umwandlungen eingetre- 
ten. In früheren Zeiten war das Seelenleben weniger differenziert: der 
ganze Mensch lebte mehr in allen seinen einzelnen Bekundungen und 
legte seine Persönlichkeit mehr in sie hinein. Im besonderen waren die 
theoretische und die praktische Stellungnahme damals kaum getrennt. 
Und auch die Auffassung vom Menschen war damals eine andere: vermöge 
einer mehr komplexen Auffassung der Dinge wurde auch der Mensch 
mehr als eine Einheit aufgefaßt, Wesentliches und Unwesentliches weni- 
zer in ihm getrennt. Zusammenfassend können wir sagen: Ausdruck und 
Gesinnung, theoretische und praktische Haltung, Wille im ganzen und 
Bereitschaft, die nächstliegenden gröbsten Mittel anzuwenden, fließen 
in naiven Verhältnissen viel mehr zusammen — sowohl in der Wirklich- 
keit wie in den Augen des Betrachters. — Als Symptom sind alle 
Arten von Bekenntnissen freilich tatsächlich von Wichtigkeit: sie sind 
Kennzeichen bestimmter Tendenzen und Gesinnungen. Die früher 
($ 31,0) erwähnte Empfindlichkeit der Gruppe gegen symptomatische Be- 
kundungen erklärt sich hieraus als eine tatsächliche Feinfühligkeit nicht 
nur für wirkliche Gefahren, sondern auch für den leisesten Hinweis auf 
solche. Die ursprüngliche Tendenz der Gruppe ist demgemäß auf Ze r- 
Die Gruppe.
	        
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