456 Die wichtigsten historischen Formen der Gruppe.
Unterrichts, der Inhalt der Straf- und Zivilgesege und die Art des
Rechtsbetriebes usw.
Ihre stärkste Ausbildung und den höchsten Grad der Solidarität haben diese
Organisationen in den Gewerkschaften gefunden. Für deren besondere Stellung auf
diesem Gebiete lassen sich eine Reihe von Gründen anführen. Erstens hat die Ar-
beiterklasse in dem Aufbau unserer Klassen die ungünstigste Stellung wirtschaftlich,
gesellschaftlich und kulturell. Die alte bäuerliche Schicht besaß in ihrem Volkstum
ihre besondere, ihren Bedürfnissen angepaßte, freilich durch die Verständnislosigkeit
der höheren Schichten vielfach geschädigte Kultur. Die Arbeiterklasse muß sich eine
solche Kultur erst schaffen: sie hat kulturell wie auch wirtschaftlich und gesellschaft-
lich noch fast alles zu erobern. Aus der Größe dessen, was hier zu gewinnen ist, er-
gibt sich eine besondere Schwungkraft für die Organisation. Ferner ist (oder war) bei
den Gewerkschaften der Kampfcharakter und die Kampfstellung besonders stark aus-
geprägt, wodurch die Solidarität in besonderem Maße begünstigt wird. Weiter ist die
Übereinstimmung in der Denkweise und Weltanschauung und im ganzen Wesen bei dem
Substrat der Gewerkschaften besonders groß: es handelt sich hier um eine im großen
in sich einheitliche, gegen die übrigen scharf abgehobene Schicht mit ihren besonderen
Nöten und Wünschen. Die Ausbildung eines starken Gruppenbewußtseins wird
ebenso begünstigt durch das vielfache persönliche Zusammensein der einzelnen Mit-
glieder in den Fabriken während der täglichen Arbeitszeit. Dazu kommt endlich die
besondere Art der persönlichen Beziehungen im täglichen Leben überhaupt; die Nach-
barschaft hat bei dieser Schicht auch in der Großstadt ihre alte Bedeutung nicht völlig
eingebüßt, Die verhältnismäßige Bedürftigkeit und Schwäche der einzelnen Familien
bringt vielfache gegenseitige Unterstügung und Aushilfe mit sich. An sich handelt es
sich hierbei natürlich nicht um die Gewerkschaften, sondern um die gesamte Schicht
der Arbeiter überhaupt; aber selbstverständlich werden durch diese Verhältnisse auch
die Mitglieder der männlichen Organisationen selbst enger miteinander verknüpft.
Als eine lehrreiche Parallele sei hier der vielfache Zusammenschluß der Bettler in
China angeführt, von dem ein Beobachter sagt: „Die Solidarität des Lasters und der
Verzweiflung gab dem sich selbst überlassenen Bettlervolk Pekings die geniale Idee
ein, sich zu einer großen und. furchtbaren Macht zu organisieren“ (Obrutschew, Aus
China I, 88).
Literatur: Heinrich Schurtz, Altersklassen und Männerbünde, Ber-
lin 1902. Webster, Primitive secret societies. Neu-York 1908.
42. Stände, Klassen und politische Parteien.
L. Bis etwa 1800 hat in Westeuropa eine ständische Gesellschaft be-
standen, die um diese Zeit durch eine Gliederung in Klassen ersegßt wurde.
Die ständische Gesellschaft besteht von Haus aus überall da, wo die ur-
sprüngliche genossenschaftliche Organisation durch die herrschaftliche, d.
h. durch den eigentlichen Staat mit seinem Klassenwesen ersegt wird.
Stände, können wir sagen, sind Gruppen eines Stammes oder einer Na-
tion, die durch Sitte, Recht und Denkweise einschneidend voneinander
getrennt sind. Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen einem Stand
und einem Stamm, wofern man sich den letgteren ebenfalls von einem