462 Die_wichtigsten historischen Formen der Gruppe.
Range eines Dialektes zeigen. Die Gesamtheit solcher Stämme bezeichnet
man wohl auch mit einem freilich schwankenden Sprachgebrauch als ein
Volk. Übrigens ist bekanntlich auch die Grenze zwischen bloßem Dia-
lekt und eigentlicher Sprache fließend; man denke z. B. an die hollän-
dische oder dänische gegenüber der deutschen Sprache. In kleineren
Dimensionen besteht auch zwischen derartig verwandten Stämmen oft
noch ein persönlicher Verkehr, und es ist in diesem Fall noch ein
schwaches Gemeinschafts- oder wenigstens ein gemeinschaftsnahes Ver-
hältnis vorhanden. Auch bei größeren Kopfzahlen ist ein solches wohl
noch anzunehmen: jedoch ein eigentliches tieferes Einheitsbewußtsein im
Sinne des Nationalbewußtseins fehlt. So fehlt es bekanntlich in Indien
und China zwischen den verschiedenen Stämmen: bei uns war es im Mit-
telalter ebenso, und in der Neuzeit hat sich vor dem neunzehnten Jahr-
hundert das Nationalbewußtsein nur schrittweise und in geringem Maße
entwickelt.
Wesentlich für den Stamm ist nach dem Gesagten nicht die Einheit des
Blutes, die angesichts der Mischungen, der Kriege und der freiwilligen Adoptionen
überhaupt nur in beschränktem Maße vorhanden zu sein braucht, und von der man
auch nicht absehen könnte, wie sie in den größeren Dimensionen des Stammes (im
Gegensag zum Familienleben) sich innerlich zur Geltung zu bringen vermöchte. We-
sentlich ist vielmehr die Gleichheit der Kultur, diese aber nicht wegen des Bewußt-
seins davon oder des Stolzes darauf, sondern wegen der durch sie gewährten Möglich-
keit persönlicher Gemeinschaft.
2. Die Nation hat sich abgesehen vom klassischen Altertum nur
im modernen Westeuropa, und zwar hier aus einer Anzahl von Stäm-
men heraus entwickelt. Diese haben sich seit dem Beginn der Neuzeit
allmählich enger verbunden. Zunächst in politischer Hinsicht unter Nivel-
lierung ihrer rechtlichen Besonderheiten und Aufhebung ihrer wirtschaft-
lichen Absonderungen. Schrittweise nahm ferner der Verkehr auf dem
wirtschaftlichen und geistigen Gebiete zu. Dazu kam die Spracheinheit
in Gestalt einer einheitlichen Schriftsprache. Seit 1800 fielen dann auch
die ständischen Absonderungen, die das Einheitsgefühl behindert hatten.
Es stieg gleichzeitig der Verkehr und ebenso der nivellierende Einfluß
des immer mehr eingreifenden Staates. Seit dieser Zeit trat auch die all-
gemeine Nivellierung in Sitte und Tracht und allen sonstigen Gepflo-
genheiten ein, die bis dahin die verschiedenen Stämme und Stände
gesondert hatten. Dazu kam endlich die Entwicklung des nationalen
Machtwillens, des sogenannten Nationalismus als eine sehr starke Kraft.
Seit 1800 spricht man demgemäß wohl von einer aktiven an Stelle der
bisherigen passiven Form der nationalen Gemeinschaft. Diese ist jegt
wesentlich auch Willensgemeinschaft geworden, während sie vorher nur
Gefühlsgemeinschaft war. Namentlich die französische Revolution hat