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36 Die sozialen’Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
erregt wird, sind im ‘allgemeinen bekanntlich historisch sehr wechselnd. Das gilt ins-
besondere auch für die sexuelle Sphäre und die leibliche Verhüllung oder Darstel-
lung. Eine Ausnahme scheinen, wie angedeutet, nur gewisse leibliche Funktionen zu
machen, denen gegenüber das Schamgefühl als angeboren zu gelten hätte. Nur in die-
sem Sinne kann auch von einer angeborenen Beziehung zur sexuellen Sphäre geredet
werden. — Wo die Verlegung der Anstandsgebote als etwas relativ AÄußerliches auf-
gefaßt wird, ruft sie nicht Scham, sondern den verwandten, aber von ihr unterschie-
denen Zustand der Verlegenheit hervor. Über ihn vgl. $ 5, 11.
6. Die außerordentliche Bedeutung des Selbstgefühles für die
Gruppe liegt in Gestalt ihrer disziplinierenden Wirkung
klar zu Tage. Schon Locke hat sie mit vortrefflichen Worten ge-
schildert!:) „Die Strafen, welche der Übertretung des göttlichen Geseges
nachfolgen, werden von vielen, ja von den Meisten nur selten ernstlich
bedacht, und selbst von den Übrigen hoffen Viele, während sie das Ge-
seg übertreten, auf die kommende Versöhnung und machen ihren Frie-
den für solchen Bruch. Ebenso hofft man den von den Staatsgeseßen
angedrohten Strafen zu entgehen. Dagegen entgeht niemand dem Übel
des Tadels und der Mißbilligung, wenn er die Sitten und die Ansichten
der Gemeinschaft verlegt, in welcher er lebt und der er sich empfehlen
will; unter Zehntausend ist kaum Einer stark und unempfindlich genug,
um die stete Mißbilligung und Verurteilung seiner eigenen Genossen-
schaft zu ertragen ... . Niemand, der für seine Umgebung Sinn und
einiges Gefühl hat, kann mit ihr leben, wenn seine Angehörigen und
Bekannten stets ihr Mißfallen und ihren Tadel gegen ihn aussprechen.
Diese Last ist zu schwer für menschliche Schultern.“ In primitiven
Verhältnissen ist die Kraft dieses Faktors nicht etwa geringer, sondern
eher noch größer. Tatsächlicher oder wegen ungehörigen Verhaltens zu
erwartender Tadel selbst leichterer Art führt häufig zum Selbstmord.
Ebenso wichtig ist die Rückwirkung, die von der Beurteilung der
Gruppe ausgeht, auf den von diesem Gefühl beherrschten Einzelnen
selbst. Unter den angeborenen und zunächst durch die Umwelt geweck-
ten Instinkten und Willensrichtungen übt das Selbstgefühl hinsichtlich
ihrer Ziele eine Auslese aus: nur diejenigen, die auf den Beifall der
Gruppe zu rechnen haben, kommen zur Entfaltung. Diese aber werden
gleichzeitig zunächst in ihrer Intensität gesteigert. Sodann erfahren sie
aber eine eigentümliche qualitative Veränderung durch die Beurteilung
der Gruppe: es kommt ein Element des Sollens und der Forderung in sie
hinein, das sich rein psychologisch, d. h. aus dem Seelenleben des iso-
lierten Einzelnen überhaupt nicht erklären läßt. Den Schmuck z. B. trägt
der isolierte Einzelne nur, weil er sein vitales Selbstgefühl und sein Sen-
sationsbedürfnis befriedigt. Sowie aber der Eindruck auf die Umgebung.
1) FEssai eoncerning human understanding b. II chap. 28 $ 12.