Der Unterordnungstrieb.
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sie etwas rationalisierend mit den Worten (Weltgeschichtliche Betrach-
tungen S. 236): „Ordinärer Gehorsam gegen irgendwie zur Macht Ge-
kommene findet sich bald. Hier dagegen bildet sich die Ahnung der
Denkenden, daß das große Individuum da sei, um Dinge zu vollbringen,
die nur ihm möglich und dabei notwendig seien. Der Widerspruch in der
Nähe wird völlig unmöglich; wer noch widerstehen will, muß außer dem
Bereich des Betreffenden, bei seinen Feinden leben.“ Diese besondere
Wirkung aus der Furcht erklären zu wollen, wäre ein rationalistischer
Mißgriff. Daß der unmittelbare sinnliche Eindruck den Instinkt der
Furcht in einem besonders starken Maße auslösen sollte, ist in vielen
Fällen durch die Verhältnisse ausgeschlossen. Die Annahme ferner, daß
die Erwartung ungünstiger äußerer Folgen in einem ganz ungewöhnlichen
Maße von einer solchen Persönlichkeit ausströme, würde uns vor die
neue Frage stellen, woher der Persönlichkeit diese besondere Wirkung
eigen ist. Man sagt wohl von solchen Personen: Es ist mit ihnen nicht zu
spaßen. Aber der Ton der Worte weist auf einen anderen Affekt als
den der Furcht hin., Endlich bliebe dadurch auch das Wichtigste un-
erklärt, nämlich die innere Hingabe mit ihrer Freudigkeit und Frei-
willigkeit, die statt eines sklavischen Gehorsams zu erwecken gerade der
Vorzug solcher Persönlichkeiten ist. — Als weiteres Beispiel sei hier
ein innerer Zustand angeführt, den die meisten von uns aus ihrem eige-
nen Erleben kennen: wir nehmen uns vor, einem Menschen mit Vor-
würfen oder Beschwerden, mit Forderungen oder Bitten, mit Einwänden
oder Bedenken auf den Leib zu rücken oder seinen Anweisungen oder
Wünschen mit einem Nein zu antworten; wir legen uns in der Phantasie
vorher den ganzen Auftritt in der schönsten Weise zurecht und bringen
tatsächlich kein Wort über die Lippen: es ist für uns eine innere Un-
möglichkeit, dem Willen des andern in der geplanten Weise entgegen-
zutreten, es beherrscht uns gleichsam eine innere Lähmung. Das Ge-
fühl der Furcht ist dabei in vielen Fällen nach der Natur der Erlebnisse
ausgeschlossen. Wir fürchten uns wohl (besser gesagt: wir scheuen uns),
die geplanten Worte in den Mund zu nehmen — aber nicht wegen
irgendwelcher äußeren Folgen: solche kommen oft gar nicht in Frage.
Peinlich ist uns wohl unter Umständen die Reaktion, die wir von unse-
ren Worten erwarten, nämlich die unfreundliche, abweisende oder ge-
ringschägige Antwort als eine Verlegung unseres Selbstgefühls. Aber
diese besondere Empfindlichkeit gegenüber dem Verhalten gerade dieses
einen Menschen ist bereits die Folge eines besonderen inneren Ver-
hältnisses. Was wir also fürchten bei der Auflehnung, ist im Kern der
Akt selbst. — Ähnlich verhält sich der Mensch gegenüber den überlie-
ferten Ordnungen und Geboten der Sitte. Der blinde Gehorsam, die
schrankenlose innere Unterordnung, die die Sitte zumal hei allen tiefe-