Der Unterordnungstrieb.
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übrigbleibt. Eine ähnliche Duplizität zeigen bereits Kinder in der Ver-
schiedenheit ihres Benehmens gegen starke und gegen schwächere Per-
sonen, gegen Erwachsene einerseits und jüngere Kinder anderseits.
Besonders wichtig ist, daß in diesem Zusammenhang edlere Regun-
gen zur Geltung kommen, die für sich allein zu schwach wären, um sich
in Taten umzusegen. Wir finden bei den Naturvölkern z. B. vielfach
die Betätigung eines primitiven Altruismus in Gestalt der Gastfreund-
schaft, des unentgeltlichen Leihens von Geräten, des Mitteilens von Nah-
rungsmitteln usw. Aber wir wissen, daß einen starken Anteil hieran
die Sitte und die abergläubische Befürchtung vor magischen nachteiligen
Folgen hat. Auch hier ist unentbehrlich der Druck der Gesamtheit, der
den Unterordnungstrieb in Bewegung segt.
15. Von größter Bedeutung ist die besondere Art des Antriebs, die
sich mit der Herrschaft des Unterordnungsinstinktes verbindet, die be-
sondere Färbung, die seine Herrschaft den ganzen Gefühls- und Willens-
prozessen verleiht. Die Herrschaft dieses Triebes ist verschieden von
derjenigen einer bloßen Neigung, ebenso verschieden von der zwingen-
den Macht anderer Instinkte. Er beherrscht den Einzelnen in der Gestalt
eines Müssens, das eine besondere Färbung besigt und unmittelbar
hinüberleitet zu demjenigen Sollen, das dann wirklich unter dem
Einflusse der Gruppe aus ihm entsteht und ihn dadurch bei der Ent-
wicklung des sittlichen Lebens in den Mittelpunkt stellt.
Der Unterordnungstrieb unterscheidet sich von anderen Instinkten
dadurch, daß er dem Menschen eine Aufgabe stellt. Er verlangt von
ihm eine Erhebung über das eigene Ich und steht so zu der Ent-
wicklung der Persönlichkeit in besonders enger Beziehung. Er ist der
eminent sittliche Instinkt im Menschen, ohne den die Moral mit ihrem
Soll und ihrer Pflicht undenkbar wäre. An Kants Hymnus auf das
Pflichtgefühl haben wir uns oben (S. 57) klargemacht, wie dieses eine
besondere Form des Unterordnungsinstinktes bedeutet. Wenn nach
Schillers Wort die Welt durch Hunger und Liebe zusammengehalten wird,
so vergißt er dabei eine Triebkraft, die mindestens ebensoviel Anspruch
auf Berücksichtigung hat: die menschliche Welt kann nicht ohne Liebe,
sie kann aber auch nicht ohne Ordnung bestehen, und in dieser Unent-
behrlichkeit der Disziplin erweist sich wiederum der Wille zur Unter-
ordnung als die fundamentale Kraft aller Gesellschaft. Man muß dabei
namentlich an Zustände denken, die keinen Gemeinschaftscharakter be-
sigen; zunächst an die weitverbreiteten Macht- und Kampfverhältnisse,
die, wie später ($ 23) zu zeigen ist, durchweg einer Regelung unter-
worfen sind und dadurch erst eine Ermäßigung erfahren und mit dem
geselligen Zustande verträglich werden: damit die Flut der Leidenschaften