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72 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
rückt bleiben; sondern sein Ziel ist abstrakterer Art, nämlich das Wohl
der Gruppe, d. h. des Staates, und die einzelnen Menschen interessieren
ihn nur sofern sie in dessen Zusammenhang hineinverflochten sind.
Von großer Bedeutung ist das Lebensalter. Namentlich zeigt
sich ein einschneidender Gegensag zwischen Jugend und Alter. Kindern
wendet sich der Hilfstrieb in ganz besonderem Maße zu. Selbst in unseren
Verhältnissen zeigen auch fremde Menschen in ihrem Verhalten
Kindern gegenüber davon noch einige Spuren. Den Kranken und Alten
gegenüber wird diese Teilnahme sowohl innerhalb wie außerhalb der
Familie in erheblich vermindertem Maße erwiesen. Auch bei den Naturvölkern
liegt der Sachverhalt im ganzen ebenso: Kinder werden durchweg
mit Güte, oft mit Zärtlichkeit und Verwöhnung behandelt; die gebrechlichen
und kranken Bestandteile der Gesellschaft wohl vielfach geoflegt,
aber doch mit erheblich vermindertem Eifer, zum Teil geradezu
der Vernichtung preisgegeben. — Handelt es sich bei der Verschiedenheit
dieses Verhaltens um eine angeborene oder um eine erworbene Anlage?
Zunächst lassen sich Tatsachen anführen, die in legterem Sinne wirksam
sind. Von einem gewissen Alter ab geben die Kinder durch ihr frisches
und eindrucksvolles Wesen günstige Gelegenheit zu Einfühlungsprozessen,
die ihrerseits mit Lust verbunden sind ($ 14,,), und durch derartige
Erlebnisse wird dann ein günstiger Boden für die Betätigung unseres Instinktes
geschaffen. Umgekehrt liegt der Sachverhalt den Alten und
Kranken gegenüber. Die Einfühlung in jede Art von Schwäche bedroht
den Einfühlenden seinerseits gleichsam ebenfalls mit einem solchen Zustand
und ist so dazu angetan, ein Verhältnis der inneren Abwehr zu erzeugen;
in demselben Sinne wirkt der Gedanke an die oft lästigen Bemühungen
und Verpflichtungen, die aus einer solchen Situation hervorgehen
können. Wegen der großen biologischen Bedeutung unseres Unterschiedes
liegt es aber nahe, für ihn auch eine Instinktwurzel anzunehmen.
In der Tat spricht dafür sowohl der ganz besondere Eindruck,
den in dieser Beziehung Kinder fast auf jedermann machen, wie
auch das spezifische Gefühl des Widerwillens oder Grauens, das so oft
kranke und alte Personen einflößen. Den legteren gegenüber sind in der
Tat wahrscheinlich besondere Instinktregungen teils des Widerwillens,
teils des Kampfwillens anzunehmen, die entweder in reiner Form oder
wenigstens als Abschwächung des Hilfsinstinktes wirksam werden. —
Übrigens fügt sich die hier besprochene Verschiedenheit einem allgemeinen
Sage ein, daß nämlich der Hilfsinstinkt vor allem da erregt wird, wo
die Verhältnisse eine gegenseitige Förderung ermöglichen; denn die Jugend
bietet, von gewissen Ausnahmen höherer Kulturstufen abgesehen,
sowohl innerlich durch ihre Frische wie äußerlich durch ihre gegen-