Full text: Gesellschaftslehre

Aus dem Vorwort zur ersten Auflage. 
Über Ziel und Inhalt des Buches unterrichtet die Einleitung. Es 
sei daraus nur das Folgende herausgehoben. Dieses Buch behandelt 
weder die Urgeschichte der Ehe noch den Ursprung des Staates, es fragt 
nicht nach den Gesegßen des geschichtlichen Lebens oder nach universell 
verbreiteten Kulturstufen. Auch erörtert es weder den sozialen Aufstieg 
oder das Wesen des Berufes, noch befaßt es sich mit Sozialpolitik oder 
Kriminalstatistik und ebensowenig mit dem Rassenproblem oder der Be- 
einflussung der natürlichen Auslese durch die Kultur oder den Leistungen 
des Krieges in dieser Hinsicht. Den Gegenstand des Buches bilden viel- 
mehr die letsten Formen, Kräfte und Tatsachen des gesellschaftlichen 
Lebens schlechtweg und damit Gebilde, die unabhängig von allem histo- 
rischen Wandel aus dem Wesen der Gesellschaft folgen. Es ist im Grunde 
dasjenige Ziel, das bereits Simmel vorgeschwebt hat, das aber bei 
dem damaligen Stand der Forschung noch nicht lösbar war. Lösbar ge- 
worden ist es vielmehr erst durch die Entwicklung der Phänomenologie, 
die uns in ganz neuer Weise umfassende Reihen letter apriorischer Tat- 
bestände festzustellen ermöglicht. Sie gewährt uns für unser Gebiet die 
Möglichkeit, die unübersehbare Fülle der Tatsachen auf einen verhältnis- 
mäßig geringen Bestand von Urphänomenen zurückzuführen, ähnlich und 
zugleich völlig anders, wie die rationalen Naturwissenschaften alle Er- 
scheinungen aus legten Elementen und Naturgesegen ableiten; und da- 
mit die weitere Möglichkeit statt empirisch-induktiver, oft mehr oder 
weniger zufälliger Typen solche aufzustellen, die einen unbedingten lo- 
gischen Vorzug darin besigen, daß sie aus dem „Wesen“ der Dinge folgen. 
In inhaltlicher Hinsicht ergibt sich eben durch dieses Ver: 
fahren, daß alles gesellschaftliche Leben einen spezifischen inneren Zu- 
stand seiner Träger bedeutet, nämlich eine spezifische innere Verbunden- 
heit in sich enthält, die von allen Anpassungs- und Nüßglichkeitsverhält- 
nissen grundverschieden ist. Was Tönnies in seiner Entdeckung der 
Gemeinschaft als einer besonderen Lebensform begonnen hatte, ist hier 
folgerecht zu Ende geführt. —
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.