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Einleitung: Entwickelung des Verkehrswesens.
etwaige Städteverbindungen schlossen Hamburg und Lübeck (1241), vielleicht in richtiger
Erkenntnis der kommenden „kaiserlosen und schrecklichen" Zeit, einen Vertrag zur Siche
rung und Ausbreitung ihres Handels, eine Verbindung, die sich später zu dem
berühmten Hansabund erweiterte. Lübeck nahm um diese Zeit, da Bardowiek dem
Zorne Heinrichs des Löwen zum Opfer gefallen und Julin (1130), sowie Schleswig eben
falls zerstört worden waren, die Hauptstellung an der Ostsee ein. Für den Verkehr zwischen
Ostsee und Nordsee kam um diese Zeit die direkte Wasserverbindung um die cimbrische
Halbinsel kaum in Betracht, vielmehr nahmen die Güter aus dem binnenländischen Nord
deutschland ihren Weg zu Lande nach dem Gestade der Ostsee. Die Kaufleute der Städte
Soest, Dortmund, Münster, Soltwedel und Goslar brachten ihre Waren an die Meeres
küste, mieteten in Lübeck Frachtschiffe und schafften auf diesen die Waren nach Wisby,
Nowgorod und nach den übrigen Plätzen, an welchen Kolonien angelegt worden lvaren.
Die stetig wachsende Gefahr vor den Mongolen (13. Jahrhundert) trug viel zur Festigung
des Bundes bei, dessen Haupt im Jahre 1260 Lübeck wurde.
Diese Stadt besaß bereits um jene Zeit eine an Wechselfällen überaus reiche Geschichte.
An der noch jetzt eingenommenen Stelle war sie 1158 von Heinrich dem Löwen gegründet
worden. Sie lag an der Heerstraße von Italien nach Skandinavien, einem bereits im
11. Jahrhundert stark benutzten Straßenzuge, der schon in diesem Zeitpunkte genau nach
Rastorten und Stationen bestimmt war und im Laufe der Zeit eine immer größere Be
deutung erlangte. Die Straße ging von Italien über Trient, Bozen, Innsbruck, Augsburg,
Nürnberg, Würzburg, Eisenach, Osterode, Goslar und Braunschweig zur Elbe. Weiter führte
sie über Mölln nach Lübeck, von wo die Fahrt nach Dänemark und den skandinavischen
Ländern ging. Auf dem Städtetage zu Köln im Jahre 1367 erhielt der Hansabund ein
festeres Gefüge. Das gesamte Gebiet wurde in vier Quartiere eingeteilt. Lübeck stand au
der Spitze des vandalischen, Köln an der des rheinischen, Braunschweig an der Spitze
des dritten Quartiers, das Sachsen und Westfalen umfaßte. Das vierte Quartier stand
unter Danzig und enthielt u. a. Elbing, Marienburg, Kulm, Thorn, Braunsberg, Königs
berg, Dorpat und Reval, sowie Riga.
Dem inneren vierfachen Gefüge der Hansa entsprechend war auch der auswärtige Ver
kehr gestaltet. Wohlgeordnete Niederlagen, sogenannte Kontore, dienten der Bermittelung
des Handels mit dem Auslande. Diese Emporien befanden sich zu Brügge, London (hier
Stahlhof genannt), Bergen und Nowgorod. Bergen war, wie auch Wisby auf Gotland,
eine hervorragende Station für den Heringshandel. Der Hering war ein Haupthandelsartikel,
und selbst für eine Gemeinde von der Bedeutung Lübecks blieb der Hcringsfang bis gegen
Ende des Mittelalters und selbst darüber hinaus die Grundlage des Handelsbetriebes.
An der Ostsee entwickelten sich neben Lübeck, gestützt durch die im 13. und 14. Jahr
hundert sich immer weiter ausbreitende Hansa, Wismar, Rostock, Stettin, sowie weiter
im Osten Danzig zu Hauptplätzen des Seehandels. Stettin vermochte sich erst selbständig
zu entwickeln, als Julin, d. h. Vineta auf der Insel Wollin, von den Dänen im Jahre 1177
zerstört worden war. Durch Julius Fall stieg auch der Handel Wisbys auf Gotland, dem
Emporium des „nordischen Mittelmeeres". Die Blütcperiode Wisbys fällt in das 12. Jahr
hundert, in die Zeit, als der große Handelsweg von Asien durch Rußland über Nowgorod
zur Ostsee führte, Wisbys Reichtum war sprichwörtlich. Der Überfall Waldemar Atterdags
im Jahre 1361 und der Umstand, daß sich der orientalische Handel nach Südeuropa, ins
besondere nach Venedig, zog, ließ Wisby von seiner hohen Stellung sinken, die es nie
wieder erreichte.
Zwischen den großen Handelsbündniffen: der Hansa und den niederländischen
Städten einerseits und den oberitalienischen Republiken anderseits entstand im
Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts ein ganz außergewöhnlich lebhafter Verkehr. Gestützt
auf die in der Poebene immer mehr aufblühende Industrie und auf die ausgebildete
eigene Reederei und Seemacht, wußten die geistig begabten und unternehmenden Italiener
fast um den ganzen Erdteil ein Netz von Handelsbeziehungen zu schlingen. In Venedig
besaßen die Städte Augsburg, Ulm, Regensburg und Nürnberg in dem Fondaco dei
TedescM ein gemeinsames Kaufhaus. Wien und Regensburg trieben Handel mit
Rußland und lieferten dessen Produkte weiter nach Italien. Auch mit Konstantinopel
standen Wien, Regensburg, Ulm, Augsburg, Nürnberg in einem lebhaften Handelsverkehre.
Nach Deutschland kamen von Konstantinvpel Kunstprodukte, Spezereien (namentlich Pfeffer),
rohe Seide, Priesterornamente, Purpurmäntel, Goldstoffe, Degenkoppel. Nach Konstantinopel
gingen Leibeigene, Waffen, Sattlerarbeiten. Dieser Handel erfuhr durch die Schwierig
keiten, welche die Konstantinopolitaner in dem Bemühen, sich den Zwischenhandel zu er-