Full text : Grundzüge der Theorie der Statistik

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94. Wenn nun, wie oben bewiesen, der Begriff der „apriorischen
Wahrscheinlichkeit“ ohne Bedeutung ist für die Definition des
eigentlichen Wahrscheinlichkeitsbegriffes, so ist er andererseits vorzüglich
 in der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu verwenden,
Ad. h. in der Lehre darüber, unter welchen Bedingungen und in
welcher Weise man von gegebenen Wahrscheinlichkeiten aus die
Wahrscheinlichkeit anderer Ereignisse berechnen kann; dies hat
gerade darin seine Ursache, daß es sich hierbei weder um eine exXperimentelle
 Bestimmung der Größe der Wahrscheinlichkeiten handelt,
welche man zum Ausgangspunkt nimmt, noch um eine experimentelle
Kontrolle der Resultate (Wahrscheinlichkeiten), zu denen man gelangt;
 dieser Seite der Sache hat sich die Statistik anzunehmen.
Es ist daher auch nicht merkwürdig, daß man bei der Lösung
der konkreten Aufgabe in der Wahrscheinlichkeitsrechnung ebenso
oft davon ausgeht, daß die und die Fälle gleich möglich sind, wie
davon, daß die und die Ereignisse die und die gegebene Wahrscheinlichkeit
 haben. Es handelt sich hier nur um eine verschiedene Ausdrucksweise.
 Man darf sich vor allem z. B. dadurch nicht irreführen
 lassen, daß sogar gegeneinander spielende Personen ohne
nähere Nachprüfung beide davon ausgehen, daß die und die Fälle
zleich wahrscheinlich sind. Dieser Umstand kann nur ein Ausdruck
für die Anschauung sein, daß der dabei begangene Fehler so klein
ist, daß sich eine nähere Untersuchung der Richtigkeit der gemachten
 Voraussetzung nicht zu verlohnen scheint.
Werfen wir beispielsweise die Frage auf, mit wie großer Wahrscheinlichkeit
 ein Whistspieler eine gegebene Karte erhält, wenn
las Kartengeben nach den Voraussetzungen, unter denen man überhaupt
 Whist spielt, so vor sich geht, daß die Wahrscheinlichkeit
dafür, daß eine Person eine bestimmte Karte erhält, dieselbe ist,
einerlei von welchen der 4 am Spiele beteiligten Personen die Rede
ist; es liegen dann 4 gleich mögliche Fälle vor, jedoch ist es nur
einmal möglich, daß die betrachtete Person die betreffende Karte erhält,
 und die Wahrscheinlichkeit ist dann apriorisch als !/, festgestellt.
 In Wirklichkeit kann eine nähere Untersuchung erst entscheiden,
 inwieweit es überhaupt möglich ist, das Kartengeben so
einzurichten, daß es Hand und Fuß hat zu sagen, alle 4 Personen
hätten die gleiche Wahrscheinlichkeit dafür, die betreffende Karte
zu erhalten, und ob es deshalb überhaupt einen Sinn hat, von den
Fällen, wo das Kartengeben nicht die benutzte Voraussetzung erfüllt,
abzusehen.
            
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