fullscreen : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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kommen,  wo  fortwährender  Zwang  die  Gemüter  drückt.  Deshalb  ist
aller  Zwang  bei  uns  vermieden.  Das  ganze  Haus  beruht  auf  dem
Prinzip  der  Freiwilligkeit,  und  wir  brauchen  weder  Schloß  noch
Riegel.  Mit  den  Asylistinnen  sprechen  unsere  Oberin  und  ich  wie
Eltern  mit  ihren  Kindern:  ,,Die  Tür  steht  offen,  wenn  Du  hier  nicht
sein  magst,  so  gehe".  Das  ist  unsere  höchste  und  fast  einzige  Strafe,
und  darin  liegt  auch  das  Geheimnis  in  unserem  Hause.  Denn
würden  wir  die  Türen  verschlossen  halten,  so  würden  sie  sich  einbilden, ­
  sie  täten  uns  einen  Gefallen,  wenn  sie  blieben,  und  würden
lange  Verhandlungen  mit  uns  anknüpfen.  Das  wäre  natürlich  verkehrt. ­
  Deshalb  steht  auf  der  Rückwand  des  Hausflurs  der  Spruch:
„Reisende  Leute  darf  man  nicht  aufhalten"."
In  der  Arbeiterinnenkolonie  Himmelstür  werden  Aussteuern
angefertigt.  Es  wurden  nach  der  Schrift  Jsermeyers:  „Ueber  Arbeiterinncnkolonien"
  (1894)  300  000  Stück  Wäsche  verarbeitet.  Gearbeitet ­
  wird  dort  von  morgens  6,  im  Winter  von  7,  bis  abends  7  llhr.
Die  Pfleglinge  werden  zur  Selbsterziehung  nach  Kräften  angehalten. ­
  Sie  sollen  sich  selbst  beherrschen  lernen  und  sich  freiwillig
ihre  Arbeit  auferlegen.
Die  erzieherischen  Resultate  der  Arbeiterinnenkolonie  Himmelstür ­
  sprechen  sich  in  folgenden  Tatsachen  aus:  Von  321  Asylistinnen
wurden  243  entlassen.
Von  243  entlassenen  Asylistinnen
wurden  118  Asylistinnen  in  Dienst  gebracht,
79  zn  den  Angehörigen  in  die  Heimat  entlassen,
46  verließen  ohne  Empfehlung  oder  heimlich  das  Asyl.
243
Nach  ihrem  Aufenthalt  im  Asyl  verheiratete»  sich  26  Asylistinnen.
Es  mag  das  Asyl  Jsermeyers  noch  in  zu  hohem  Matze  eine  wirkliche ­
  Arbeiterinnenkolonie  sein,  die  den  Erziehungszweck:  die  sittliche ­
  Aufrichtung  und  die  Entwickelung  der  individuellen  Kräfte  der
verwahrlosten  Mädchen  nicht  völlig  und  nicht  rein  zum  Ausdruck
bringt,  es  mag  in  bicfcr-  Anstalt  die  Erziehungsmethode  noch  einen
ganz  einseitig  religiösen  Zuschnitt  haben,  zu  leugnen  ist  trotzdem  nicht,
daß  die  Begründung  einer  derartigen  auf  Freiwilligkeit  begründeten
Anstalt  zur  Erziehung  entgleister  junger  Mädchen  ein  wirkliches
soziales  Verdienst  ist.
Die  Erziehung  der  Prostituierten  zu  einer  anständigen  bürgerlichen ­
  Erwerbsarbeit  ist  bisher  vom  Staat  und  den  Gemeinden  fast
ausschließlich  den  privaten  religiösen  Vereinigungen  überlassen
worden.  Der  Staat  und  die  Gemeinden  müssen  sich  endlich  dazu
verstehen,  wirkliche  Erziehungsheime  für  Prostituierte  zu  errichten,
in  denen  alle  die  Mädchen,  die  sich  von  der  Prostitution  abwenden
wollen,  Aufnahme  finden.  Diese  Anstalten  sind  auf  dem  Prinzip
der  Freiwilligkeit,  wie  es  durchzuführen  der  Pastor  Jsermeyer  sich
bestrebte,  zu  errichten,
            
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