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andern angreift. Bei einer Statistik dieser Art verfügt man kaum
über ein hinlänglich klares Material, um einer solchen Kritik ent-
gegentreten zu können. Allerdings kann man versuchen, die Beob-
achtung einige Jahre nach dem ersten Sterbefall zu beginnen, aber
dies wird selbstverständlich nicht die Möglichkeit der Ansteckung
als Todesursache ausschließen. Werden die ersten 5 Jahre ausgelassen,
dann ist das Hauptresultat 487 Sterbefälle gegen 401 nach der Be-
rechnung, also wiederum aller Wahrscheinlichkeit nach eine nicht
unwesentliche Übersterblichkeit. Nach ähnlichen Prinzipien hat
auch Weinberg‘) in einer Untersuchung, die im wesentlichen
auf den vorzüglichen württembergischen Familienregistern fußt, ge-
arbeitet.
Man könnte fragen, ob man nicht vielleicht die Beobachtungsperiode
früher beginnen könne. In der Regel wird dies jedoch weniger
empfehlenswert sein. Die Abweichungen in der Sterblichkeit werden
sich dann wahrscheinlich als zu klein erweisen, weil die Beobachtungen
noch mehr gemischt werden, als wenn man seinen Ausgangspunkt
in dem Zeitpunkt nimmt, wo die erste Kenntnis des Vorhandenseins
der Schwindsucht vorliegt. Als Beispiel einer solchen Methode läßt sich
das großzügig angelegte Werk über die Erfahrungen auf Grund der
Leipziger Ortskrankenkasse?) anführen. Wenn ein Mitglied
im Laufe der Beobachtungsperiode vom Arzt in der Krankenkarte als
Alkoholiker bezeichnet wird, dann findet es für die ganze Periode in
dieser Gruppe Aufnahme. Man erhält damit offenbar keine ganz homo-
genen Beobachtungen; denn es ist möglich, daß einige Alkoholiker
im Laufe der Beobachtungsperiode nicht krank und daher nach der
praktisierten Methode der Gruppe der Nicht-Alkoholiker zugerechnet
werden, so daß also die Gruppe der Alkoholiker einen allzu ungünstigen
Eindruck erwecken muß. Andererseits hat man Mitglieder, die viel-
leicht eine Zeitlang maßhaltend und gesund gelebt haben, mitgerechnet.
Überhaupt sind also die Zahlen mit Vorbehalt zu verwenden.
In der oben erwähnten Arbeit Weinbergs wird die Frage der
Sterblichkeit in tuberkulösen Familien (a. a. O. S. 111) untersucht,
indem festgestellt wird, wieviele von insgesamt 6322 Kindern, deren
Väter an der Schwindsucht starben, das 20. Lebensjahr überlebt haben.
Das Gesamtergebnis (von Wanderungen ist abgesehen) ist 3379,
1) Die Kinder der Tuberkulösen, 1913.
?) Krankheits- und Sterblichkeitsverhältnisse in der Ortskrankenkasse für
Leipzig und Umgegend, I, 1910, S. 190 £.