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merkungen über die Anwendung statistischer Gesichtspunkte auf
anderen Gebieten angeknüpft.
385. Unter den Wissenschaften, die in erster Linie in der
Anwendung solcher Methoden ihren Vorteil sahen, finden wir solche,
die insofern den sozialwissenschaftlichen Disziplinen ähneln, als sie
ebenso wie diese sich zur Hauptsache mit Phänomenen befassen, die
sich nur schwerlich oder gar nicht studieren lassen, ohne daß die
Aufmerksamkeit auf die Gesamtwirkung vieler Einzelursachen
gelenkt wird. Beispielsweise geht aus dem oben Entwickelten her-
vor, daß statistische Untersuchungsmethoden in der ärztlichen Wissen-
schaft, der Meteorologie und der Anthropologie eine bedeutende
Stellung einnehmen.
Im Anschluß ‚hieran sei auch erwähnt, daß die Biologie in
ausgedehntem Maße statistische Methoden verwendet, ja verwenden
muß, und es liegt hier nahe, in erster Linie die Erblichkeits-
forschung!) zu nennen. Kinige Probleme dieser Wissenschaft
haben wir bereits gestreift; im folgenden seien ‚die von Mendel
aufgestellten Theorieen näher erörtert.
Wenn wir uns vorstellen, daß eine reife reproduzierende Ge-
Schlechtszelle (ein Gamet, die gemeinsame Bezeichnung für Ei und
Spermzelle) in Verbindung mit einem anderen Gamet ein neues In-
dividuum (ein Zygot) bildet, dann wird dieses Individuum Eigen-
schaften besitzen, die sich auf die Gameten zurückführen lassen.
Sind nun die zwei Gameten gleichen Charakters, dann bezeichnet
man den durch Befruchtung entstandenen Zygoten als Homozygot,
während man im entgegengesetzten Falle ein Heterozygot hat.
Einige Eigenschaften, die „rezessiven“, werden in den Zygoten latent
liegen, andere, die „dominierenden“, treten mehr oder weniger deutlich
hervor. Die Theorie geht nun darauf hinaus, daß die Eigenschaften
in den Gameten sozusagen unabhängig voneinander auftreten; ge-
wisse Elemente werden bei der Befruchtung auf die Zygoten über-
gehen, andere dagegen nicht, genau so, wie wenn man beim Würfel-
spiel bald diese, bald jene Kombination erhält. Stellen wir uns vor,
daß zwei Homozygoten (der eine gesund und dominierenden Cha-
rakters, der andere krank und rezessiven Charakters) auf dem Wege
') Bezüglich der hier einschlägigen, sehr umfangreichen Literatur sei außer
den auf S. 279 und S. 543 ff. erwähnten Arbeiten auf folgende hingewiesen:
Heredity and eugenics; a course of lectures by Castle, Coulter, Daven-
port, East, Tower. 2. edit., 1913.