Full text: Grundzüge der Theorie der Statistik

Darf 
dann entsteht ganz natürlich die Frage, ob und in welcher Weise 
man aus solchen Zahlen hinsichtlich der Einschränkung der Willens- 
freiheit einen Schluß ziehen kann und ob überhaupt die statistische 
Regelmäßigkeit in der sogenannten „Moralstatistik“ ein Hindernis 
für das freie Selbstbestimmungsrecht des Menschen ist. Namentlich 
lag ein Schluß zu der Zeit nahe, wo man überhaupt dazu neigte, 
die Statistik als Mutter aller Wissenschaften zu betrachten — näm- 
lich in der Begeisterungsperiode um die Mitte des 19. Jahrhunderts !). 
Eine Betrachtung der statistischen Resultate zeigt uns nun, wie 
im Vorhergehenden mehrmals beleuchtet, in erster Linie, daß die 
menschlichen Willensäußerungen einer gewissen Regelmäßigkeit unter- 
liegen, selbst wenn man in der „Sturm- und Drangperiode“ der Sta- 
tistik dazu neigte, diese Regelmäßigkeit zu überschätzen, und bis- 
weilen behaupten wollte, daß sie größer sei als bei Naturereig- 
aissen. Die Betrachtung einer Beobachtungsmasse lehrt, daß ge- 
wisse Ursachen die Größe der Zahlen beeinflussen; unter dem Ein- 
fluß ihres Milieus wird die Gruppe bald diese, bald jene Frequenz 
der betreffenden Begebenheiten zeigen. Für Quetelet erschien es 
lie Aufgabe der Gesellschaft zu sein, die zum Verbrechen neigenden 
[Individuen zu erziehen, um so die Kriminalität zu vermindern. Diese 
Auffassung wird heutzutage jeder unterschreiben können, einerlei, ob er 
Determinist ist, oder an der Willensfreiheit festhält. Wenn indes eine 
Beobachtungsmasse eine Regelmäßigkeit in den statistischen Phäno- 
menen aufweist, ist damit noch nichts über die einzelnen Individuen 
zesagt. Das einzelne Mitglied der menschlichen Gesellschaft wird selbst- 
verständlich von Motiven geleitet. Der Mensch arbeitet, um nicht zu 
hungern,er wünscht möglichst viel Geld zu verdienen und verkauft da- 
her seine Waren, sobald ihm der Preis lohnend erscheint, er wünscht 
Sich vor Kälte zu schützen, er besitzt soziales Verständnis, ist 
empfänglich für Lob und Tadel, Freundlichkeit oder Haß; er reagiert 
kurz gesprochen auf sämtliche Einwirkungen. Dies alles bestimmt 
in einem ungemein hohen Grade die menschlichen Handlungen. 
Hinzu kommt noch die menschliche Unselbständigkeit und Nach- 
ahmungslust, an und für sich ein mächtiger Hebel in der Arbeit des 
Menschen. Es ist daher verständlich, daß eine gewisse Regelmäßig- 
‘) Bezüglich der neueren statistischen Literatur zur Beleuchtung dieser Frage 
siehe Kaufmann, Theorie und Methoden der Statistik, 1913, S. 156 ff; Zizek, 
Die statistischen Mittelwerte 1908, S. 360 ff. ; Forcher, Die statistische Methode 
als selbständige Wissenschaft, 1913, S. 337 ff.; Lottin, Quetelet Statisticien et 
Sociologue. 1912 8. 4592 ff.
	        
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