Full text: Grundzüge der Theorie der Statistik

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keit in den anscheinend willkürlichen Handlungen entsteht. Doch 
sind die statistischen Beobachtungen nicht der Art, daß alle Menschen 
zu gleicher Zeit dieselben Handlungen vornehmen. Der eine ver- 
fällt auf Verbrechen, der andere nicht, der eine verheiratet sich, 
der andere bleibt unverheiratet usw. Innerhalb der Masse herrscht 
freilich die Regelmäßigkeit, weil sich die Individuen durch allerhand 
Verhältnisse ihrer Umgebung leiten lassen und sich leiten lassen 
müssen, wenn nicht die Gesellschaft ein wahres Chaos werden soll; 
aber das einzelne Individuum ist gewissermaßen ungebunden. Die 
Statistik wird niemals beweisen können, ob es eine individuelle 
Willensfreiheit gibt oder nicht. Auch hier muß die Statistik 
einer anderen Wissenschaft die Beantwortung der Frage über- 
lassen. Die Statistik kann nicht beweisen, daß nicht eine sogar völlig 
zügellose Willensfreiheit existiert. Solange ein Schleier die bunte 
Menge „zufälliger“ Ursachen verhüllt, darf man die Existenz einer 
Willensfreiheit nicht leugnen. Allerdings scheint, wie angeführt, 
nach statistischen Erfahrungen die Masse in der Regel durch die 
augenblicklichen Verhältnisse bestimmt zu sein; ob jedoch nicht ein- 
zeine Individuen, wenigstens mitunter, ausgenommen sind, ob also 
die absolute Willensfreiheit nicht eine der „zufälligen“ Ursachen 
ist, das steht auf jeden Fall solange dahin, wie noch Spielraum für 
solche Ursachen verbleibt. Die Statistik wird höchst lehrreiche 
Beiträge zu psychologischen Untersuchungen (z. B. hinsichtlich des 
„Hangs zum Verbrechen“) geben können, aber einen Beweis für 
oder gegen die absolute Willensfreiheit des vereinzelt Auftretenden 
vermag sie keineswegs zu führen. Gelegentliche Versuche dieser 
Art darf man nur als verhängnisvolle Übergriffe betrachten, die 
die Wissenschaft der Zahlen als tendenziös verdächtigt haben. Wenn 
die Statistik kein selbständiges Urteil über die absolute Willensfreiheit 
fällen kann, dann gilt das noch vielmehr anderen Formen mensch- 
licher Willensäußerung. 
388. Die Statistik ist sozusagen eine Sprache. Wer die Sprache 
der numerischen Beobachtungen versteht, wird vielerlei erfahren, 
namentlich wenn er sie so weit beherrscht, daß er selbst die Fragen 
stellen kann, auf die er Antwort wünscht. Die Antworten sind jedoch 
in der Regel nur indirekt, da die Zahlen Symptome sind, welche 
nur mittelbar die erwünschte Auskunft erteilen (vgl. $ 162). Die 
größere oder kleinere Häufigkeit von Konkursen in einem Lande ist 
an und für sich nicht von primärer Bedeutung, sondern eher ein 
Zeichen dafür, daß sich die Wirtschaftslage ungünstiger oder günstiger
	        
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