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Bernhard Harms
doch noch nicht einmal eine begrifflich-einheitliche Vorstellung von dem,
was wir stündlich und täglich »Weltmarkt« nennen.
Die Aufgabe hat aber nicht nur ihre gefügetheoretische Seite, sondern
weltwirtschaftliche Konjunkturforschung muß zugleich gebildetheoretisch
eingestellt sein. Was jenseits des isoliert Marktmäßigen an »Zufälligem«
auf die weltwirtschaftlichen Beziehungen einwirkt, gilt es zu erfassen.
Das »Zufällige« ist aber nicht nur durch mechanistische Änderungen im
Gefüge bedingt, sondern wird darüber hinaus einerseits durch sonder-
raumwirtschaftliche Bestrebungen und Maßnahmen, anderseits durch
das Gebilde der Weltwirtschaft als solches bewirkt. In der Art der
Synthese von gefüge- und gebildetheoretischer Betrachtung liegt die
eigentliche Problematik der Konjunkturforschung, wie ich überhaupt
der Meinung bin, daß der gesamte sozialökonomische Methodenstreit
ohne die allgemeine Lösung dieses Problems nicht zur Ruhe kommen kann.
Bei alledem ist nicht aus dem Auge zu lassen, daß heute noch keines-
wegs Klarheit darüber besteht, ob von einer »Konjunktur der Welt-
wirtschaft« im Sinne des volkswirtschaftlichen Phasenzyklus überhaupt
gesprochen werden darf. Gibt es gesetzliche Periodizität im Gesamt-
ablauf des Wirtschaftslebens der Erde, und besteht für sie eine absolute
Interdependenz der an der Weltwirtschaft teilhabenden Sonderraumwirt-
schaften? Die Frage drängt sich allein schon angesichts der Tatsache
auf, daß die Vereinigten Staaten sich nun bereits Jahre hindurch den
Wirkungen der »Krisis der Weltwirtschaft« entzogen haben. Nicht minder
interessiert das Problem des gleichmäßigen typischen Ablaufs von Kon-
junkturen im Hinblick auf Länderkomplexe, etwa Europa, Westeuropa,
Südamerika, Ostasien usw. Anderseits führt die Tatsache, daß heute alle
Länder aktiv und passiv in die Weltwirtschaft verflochten sind und die
»Krisis der Weltwirtschaft« sie trotzdem unterschiedlich erfaßt, zur Frage
nach dem Verhältnis von Inlandmarkt und Auslandmarkt und den ihnen
immanenten Ausgleichsbestrebungen. Alles das will schon im »normalen«
Lauf der Dinge beachtet sein. Ungleich komplizierter aber ist die Auf-
gabe, wenn grundlegende Umwälzungen in der raumwirtschaftlichen
Produktionsdifferenzierung das ganze Gefüge der internationalen Wirt-
schaftsbeziehungen sprengen oder durchgreifende sonstige Änderungen
in der Produktions- oder Konsumtionssphäre eine Neuordnung der Struk-
tur, eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse mit sich bringen und infolge-
dessen krisenhafte Übergangszeiten eintreten, die der »Gesetzmäßigkeit«
überhaupt entraten. Unschwer ließen sich die Behauptungen über die
Problematik eines gesetzmäßigen weltwirtschaftlichen Gesamtablaufs
durch zahlreiche praktische Beispiele stützen. Es muß indessen darauf
verzichtet werden, da es hier nur darauf ankam, das Verhältnis von
Konjunkturschwankungen und Strukturwandlungen in bezug auf die