46 Zweiter Teil. Lande!. II. Der Lande! im allgemeinen.
wirtschaft weiterhin die Frage von Wichtigkeit, ob seine Arbeit mehr dem Auslande
als dem Jnlande nützt oder gar das Gesamtintercsse des Inlandes benachteiligt. Denk
bar ist das letztere. Praktisch wird es aber nur ausnahmsweise und nur vorüber
gehend werden.
Übrigens sind das Einschränkungen, die nicht lediglich beim Lande! zu machen
sind. Auch bei der Produktion, beim Verkehrswesen usw. ist eine unwirtschaftliche
Steigerung der toten Kosten und eine gelegentliche Benachteiligung der inländischen
Interessen denkbar.
Zu dem Gesagten treten noch andere Wirkungen des Landels hinzu, die der
Volkswirtschaft im ganzen wesentlichen Nutzen bringen. Der Lande! steht in inniger
Beziehung zum Verkehrswesen. Genötigt, sich desselben in umfassender Weise zu be
dienen, treibt der Lande! das Verkehrswesen zu immer höherer Leistungsfähigkeit, und
die günstigen Wirkungen, die von einem leistungsfähigen Verkehrswesen ausgehen, sind
deshalb dem Lande! mitzudanken, wie er andrerseits aber auch mitverantwortlich ist
für die nachteiligen Wirkungen, die einem solchen Verkehrswesen zuzuschreiben sind.
Dem Lande! sind auch allgemeine kulturelle Wirkungen zuzusprechen. Er ver
steht es, neue Bedürfnisse zu wecken, und verstärkt so den Antrieb zu wirtschaftlicher
Arbeit, freilich nicht immer in Richtungen, die wünschenswert sind. Der Lande! ruft
mitunter so starke Interessengegensätze zwischen den Völkern hervor, daß eine Aus
tragung mit den Waffen erforderlich wird, aber noch viel häufiger und allgemeiner ver
stärkt er das Bewußtsein gemeinsamer Kulturintereffen und das Bedürfnis nach einer
friedlichen Entwicklung der Verhältnisse. Der Lande! bringt die Völker in engere
Berührung miteinander und schleift dadurch auch wahlberechtigte Eigentümlichkeiten,
aber noch viel mehr unberechtigte Vorurteile ab und erzeugt ein stärkeres Bedürfnis
nach einheitlicher Rechtsgestaltung.
Mit einem Wort, der Lande! leistet der Kulturentwicklung und der Volks
wirtschaft sehr wertvolle Dienste, hinter denen die gelegentlichen und vorübergehenden
ungünstigen Wirkungen weit zurücktreten. Daran kann auch der Amstand nichts ändern,
daß der Lande! vielfach in der Praxis und in der Wissenschaft eine sehr ungünstige
Beurteilung gefunden hat. Da in der Tat auch ungünstige Wirkungen vom Lande!
ausgehen können, so kann sehr leicht gelegentlich eine Überschätzung gerade dieser
Wirkungen eintreten.
3. Zst der Handel produktiv?
Von Richard van der Borght.
van der Borght, Handel und Handelspolitik, (Hand- und Lehrbuch der Staatswisseu-
schaften. b Abt., \6. Bd.) Leipzig, <£. L. Hirschfeld, (900. 5. 39—35.
Trotz all' der für die Volkswirtschaft günstigen Wirkungen, die vom Landel
ausgehen können, ist der alte Streit noch immer nicht verstummt, ob der Landel
„produktiv" sei. Das ist ein Streit um Worte, weil unter „Produktion" und
„produktiv" rc. von den einzelnen Beurteilern sehr verschiedene Dinge verstanden werden.
Versteht man unter Produktion nur die Sachgütererzeugung, so ist der Landel nicht
produktiv, weder seiner Wirkung noch seiner Tendenz nach; denn Sachgüter erzeugt
er nicht. Sucht man das Wesentliche all' der Tätigkeiten, die wir Produktion nennen,
herauszuschälen, so liegt die Sache ganz anders. Alle diese Tätigkeiten laufen darauf