Object: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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blick, als wollte er das fernste Ziel, die Herrschaft eines idea— 
listischen, von einer bestimmten Weltanschauung regierten Dramas 
auf einmal erreichen. Damals erschienen von ihm unter dem 
gemeinsamen Titel „Morituri“* drei Einakter: ein geschichtliches 
Stück, „Teja“, in der gehaltvollen Prosa des älteren Historien— 
stils, ein Stück aus der Gegenwart, „Fritzchen“, unter vollendeter 
Anwendung des Impressionismus, und ein Märchenspiel, „Das 
Ewig⸗Männliche“, in prächtig bunten, oft prickelnden Versen: 
Arbeiten also recht verschiedener äußerer Formgebung. Aber sie 
trafen sich in derselben Idee. In allen drei Fällen handelt es 
sich ums Sterbenmüssen, um das Fatum des Todes, das alle 
gleichmäßig antritt und doch so ungleichartig, indem es den 
besonderen Umständen der Lebensführung auch einen besonderen 
Charakter entnimmt. Aber hat nun der Dichter diese Idee 
irgendwie vertieft? Hat er einen augenscheinlichen inneren 
Zusammenhang zwischen den drei abweichenden Arten des 
tödlichen Geschickes in den drei Stücken hergestellt? Läßt sich 
dem dreigeteilten Ganzen etwa gar eine völlig klare, sie ver— 
bindende höhere Auffassung, der Kern einer Weltanschauung 
entnehmen? Schwerlich. Es scheint ein mißlungener Versuch 
zu sein; es ist eine nur äußerliche Zusammenfassung. 
Dagegen ist vom „Glück im Winkel“ an, das auch im 
Jahre 1896 erschien, kein Zweifel mehr darüber, daß sich 
Sudermann wenigstens immer mehr der Charakterschilderung 
zuwendet, und zwar in zunehmend stärkerer Intensivierung 
gegenüber dem, was unsere dramatische Kunst vor der Zeit 
des Impressionismus leistete. Schon die Hauptpersonen des 
„Glücks im Winkel“ erbringen den Beweis, noch mehr der 
Titelheld und die drei Personen der Herodesfamilie im 
„Johannes“. Freilich ist dabei die Sprache wenigstens im 
„Johannes“ noch unbeholfen; und oft sind Dutzende gegen— 
seitiger Beziehungen der Handelnden in so wenige Worte 
hineingeklügelt, daß es überaus schwer, wenn nicht unmöglich 
wird, allen Absichten des Dichters in der kurzen Frist zu 
folgen, die während des Verlaufes der Handlung auf der 
Bühne gegeben ist. Das Zusammendrängen und Verwickeln,
	        
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