Die logische Bedeutung des Unsterblichkeitsproblems. 101
wusstseinsbegriffs einen festen historischen Mittelpunkt ge-
schaffen hat. Wiederum trägt die Darstellung an diesem Punkte
so deutlich die Züge Cusanischer Denkart, dass man hier eine
eingehende Kenntnis der Schriften Cusas voraussetzen muss,
wenngleich diese zur Zeit, da die „Theologia Platonica“ erschien
(1482), noch nicht zu einer Gesamtausgabe vereinigt waren. An
Cusa erinnert es, wenn Ficin, um die Unsterblichkeit des Geistes
zu erweisen, vor allem von der Unendlichkeit seiner Funk-
tion ausgeht. Jeder echte Begriff, den wir bilden, enthält eine
unbegrenzte Anzahl einzelner Exemplare unter sich; jeder Akt
des Denkens besitzt und betätigt die Wunderkraft, eine unend-
liche Mannigfaltigkeit ins Eins zu fassen und eine einfachste
Einheit wiederum in die Unendlichkeit aufgehen zu lassen. Und
wie sollte der Geist nicht seiner Kraft und Wesenheit nach un-
beschränkt sein, da er es ist, der die Unendlichkeit selbst ent-
deckt und sie nach ihrer Art und Beschaffenheit definiert?
Alle Erkenntnis bedeutet eine Ausgleichung und Anpassung
des erkennenden Subjekts an die Objekte, die sich ihm gegen-
überstellen (cognitio per quandam mentis cum rebus aequa-
tionem perficitur); das Unendliche könnte somit von uns nicht
als Inhalt gedacht und erfasst werden, wenn es nicht in der
eigenen Natur des Geistes enthalten und angelegt wäre. Das
Maass darf, sofern es adaequat und erschöpfend sein soll, an Kraft
und Umfang nirgends hinter dem Gemessenen zurückbleiben: so
muss der Geist selbst schrankenlos sein, um den stetigen Wandel
der Zeit und der Bewegung seinen unwandelbaren Begriffen zu
unterwerfen und die Unendlichkeit umfassen und messen zu
können!*). Allgemein wird jetzt die Forderung der durchgängi-
gen Entsprechung und „Proportion“, die zwischen dem Gegen-
stand und der Funktion der Erkenntnis herrschen muss, der
Leitgedanke von Ficins Lehre. Der Intellekt und das „intelligible“
Objekt stehen sich nicht fremd und äusserlich gegenüber; sie
sind von gleichem Ursprung und fallen in ihrer höchsten Voll-
endung in Eins zusammen. „Ipsum intelligibile propria est in-
tellectus perfectio unde intellectus in actu et intelligibile in actu
sunt unum“.!) (Vgl. ob. S. 63 u. 71.) Es ist somit keine Erklä-
rung des Erkenntnisprozesses, wenn man ein äusseres jenseitiges
Sein in den Geist hinüberwandern lässt: denn das Denken be-