Neue Weltanschauung.
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Unterscheidungsmerkmal des Menschen ist nur eine besonders
große Eindrucksfähigkeit und Selbsttätigkeit der Seele im Sinne
schöpferischer Kraft: und so sind wir weniger Herren als Krone
der Schöpfung.
Mit alledem erschien denn der innere Zusammenhang
wenigstens der organischen Welt völlig hergestellt — denn was
die Tiere anging, war in schwächerem Sinne leicht auch für
die Pflanze nachzuweisen: eine einzige große Urkraft geistiger
Natur ergoß sich durch alle Wesen, wenn auch in verschiedener
Stärke.
Allein an der Beseelung der organischen Welt ließ sich
die empfindungsreiche Zeit bald nicht mehr genügen. Sie riß
auch die von Reimarus noch ziemlich entschieden festgehaltene
Schranke nieder, die zwischen Physikalischem und Organischem
noch bestand, und suchte in dem weiten Empfindungskreise
eines vollen Pandynamismus zur Beseelung der Welt über—
haupt zu schreiten. Ansätze in dieser Richtung finden sich schon
bei Sulzer. Sulzer lebt in der Auffassung der gesamten Natur
als eines Systems von stofflich gebannten Kräften und in dem
Gedanken ihrerx harmonischen Ordnung; es waren Ideen, die
dem begeisterungsfähigen Schweizer, einem deutschen Nachbild
des französischen Schweizers Rousseau, leichter als anderen
nahen mochten. Und so betrachtete Sulzer selbst das Genie
nach Analogie derselben unbewußt vernünftig wirkenden Natur—
kraft, die er, in anderen Wirkungsweisen freilich, im starren
Gestein des Felsens und in der bunten Märchengestalt des
Schmetterlinges wiederfand.
War man aber so weit fortgeschritten: erschien der Emphase
der empfindsamen Kreise und um wie viel mehr noch dem
Pathos der Stürmer und Dränger die Welt allbeseelt und
glaubte man die naturwissenschaftlichen Beweise für einen
enthusiastischen Monismus des Geistes in Händen zu halten:
so begreift sich, daß dieser machtvollen Flut von Vorstellungen
gegenüber weder die Bollwerke der alten cartesianischen Philo—
sophie mit ihrem ausgesprochenen Dualismus standhielten, noch
auch die Dämme der Leibnizschen Weltanschauung, die, bei
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