Full text : Arbeiterschaft und Kolonialpolitik

mischen Industrie gehoben. Es kam der einheimischen Exportindustrie
 niemals darauf an, was ausgeführt wurde, noch viel
weniger darauf, ob die ausgeführten Waren als Qualitätsware
das koloniale Kulturniveau zu heben in der Lage waren, sondern
lediglich auf die Erzielung möglichst hoher Gewinne. Die
nach den Kolonien ausgeführten Glasperlen und Heiligenbilder
sind als schlechteste Massenware in denjenigen Industriezweigen
hergestellt worden, in denen das Lohnniveau der Arbeiterschaft
sehr gering war. Mit vollem Recht stellt Parvu s fest, daß die
Produktion für die Kolonien die Industrie disqualifiziert und ihre
Forderungen an die Technik herabgesetzt habe.
Nachdem nun in Deutschland von industriellen Kreisen,
so von der letzten Tagung des Reichsverbandes der Deutschen
Industrie, Qualitätserzeugung zur Parole erhoben worden ist,
sollten gerade sie erkennen, daß diese Forderung niemals erfüllt
werden kann, wenn ihr Wunsch nach Wiedererwerb der Kolonien
 wirklich erfüllt würde.
Der Besitz von Kolonien ist sicherlich nicht der einzige
Grund für die verhältnismäßig langsame Entwicklung der
Rationalisierung und Konzentration in der englischen Industrie
der Nachkriegszeit, ebensowenig wie der Verlust der deutschen
Kolonien der einzige Grund für das rasende Entwicklungstempo
der deutschen Industrie während des gleichen Zeitabschnitts
ist. Aber zweifellos haben in beiden Fällen diese Gründe die Entwicklung
 entscheidend beeinflußt.
Doch dieser gesamte Fragenkomplex beginnt mehr und mehr
zu einer akademischen Frage zu werden, denn mit der steigenden
 Industrialisierung der kolonialen Gebiete geht auch die
handelspolitische Bedeutung der Kolonien außerordentlich
Stark zurück, und wir sind bereits in die dritte Periode der kolonialen
 Betätigung eingetreten, in der die Kolonien nicht mehr
als Rohstoffexport- und Fertigwarenimportländer, sondern fast
ausschließlich noch als Kapitaleinfuhrgebiete in Betracht
kommen. Die Entwicklung der Nachkriegszeit beweist mit
Deutlichkeit die immer stärkere handelspolitische Trennung der
Kolonien von ihrem Mutterlande.
Der prozentuale Anteil der Gesamtausfuhr Englands betrug
nach:

China “..
Indien . .
Südafrika .
Kanada

*
» +

1913
2?

5

1924
2,2
9,8
3:4
3,3

In demselben Maße aber wie die Ausfuhr nach den Kolonien
prozentual gesunken ist, ist die englische Ausfuhr nach den

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