Ein erheblicher Teil aller Kolonien hat heute bereits den
Weg zurückgelegt, der von der Arbeitskolonie über das Roh-
stoffausfuhr- und Fertigwareneinfuhrgebiet zum selbständigen
kapitalistischen Land mit imperialistischen Tendenzen führt.
Diese ökonomische Entwicklung, die zur Aufgabe des Kolonial-
systems drängt, hat auch bereits ihren ideologischen Nieder-
schlag gefunden: in der Bewegung der eingeborenen Arbeiter-
schaft.
Aber nicht allein das Elend der Industriearbeiterschaft und
seine Rückwirkungen auf die Lage des europäischen Proletariats
sind in unserem Zusammenhang beachtenswert; eine mindestens
ebenso wichtige Rolle spielt heute, da‘ doch noch immer der
größere Teil der Bevölkerung, besonders in Asien, von der Land-
wirtschaft lebt, die Agrarverfassung und die sich aus
ihr ergebenden Konsequenzen für die Lage des kolonialen Land-
proletariats. Die Schwierigkeiten der landwirtschaftlichen Pro-
duktion resultieren vor allem aus dem System des Großgrund-
besitzes mit seinem uneingeschränkten Ausbeutungssystem.
Der Großgrundbesitzer ist der unumschränkte Herrscher, an
den der unter den elendesten Verhältnissen lebende Bauer oft
mehr als die Hälfte seines Ertrages als Pachtzins abführen muß.
Die Herrschaft der europäischen Regierungen stützt sich in
erster. Linie auf dieses System, und deshalb stehen sie jeder
Agrarreform von vornherein feindlich gegenüber. Englands
Macht in Indien z. B. beruht auf den Maharadschas, den Landes-
fürsten, die sämtlich Großgrundbesitzer sind.
Seit der zunehmenden Industrialisierung hat sich die Lage
der Landwirtschaft weiter dadurch verschlechtert, daß die aus-
ländischen Kapitalisten ihre Gelder lieber in die gewinnbringen-
den Industrieanlagen stecken, als für die wichtigsten Erforder-
nisse der Landwirtschaft zu sorgen. Hierzu gehörten in erster
Linie Bewässerungsanlagen, da infolge der Dürre ungeheuere
Landstrecken, die Millionen von Bauern Lebensunterhalt
bieten könnten, brach liegen. In Syrien z. B. wird noch nicht
ein Zehntel des anbaufähigen Bodens bebaut.
Der Direktor des Landwirtschaftlichen Instituts, Dr. Mann,
der die Agrarverhältnisse in den englischen Kolonien eingehend
studiert hat, teilt mit, daß es für 81% der indischen Bauern
völlig unmöglich ist, sich aus der Landwirtschaft zu ernähren.
Der ägyptische Fellach muß die Hälfte seiner Ernte — vor
allem Baumwolle — an den Großgrundbesitzer verkaufen. Da
die Klasse der Großgrundbesitzer aber die einzige ist, die das
englische Regierungssystem unterstützt, besteht hier nicht die
geringste Aussicht auf Wandlung der Verhältnisse.